(fsy). Von A wie Azteken bis Z wie Zapoteken. Über all das berichtete Dr. Reinhard Kaufmann am vergangenen Sonntag, 26. März 2006 im Zentrum für Interkulturelle Bildung und Begegnung (ZIBB).

Mitgebracht hatte er fast 200 Fotoaufnahmen als Diapositive von seiner „Rucksackreise“ durch die Kulturgeschichte der Olmeken, Teotihuacán, Mixteken, Tolteken, Chichimeken, Maja und Azteken und erklärte den interessierten Zuhörern die Besonderheiten der mesoamerikanischen Bauformen und Bauglieder im Detail, die einen Ausschnitt der wichtigen Bestandteile der Hochkulturen in Mesoamerika darstellen.

Mesoamerika ist ein Begriff, der kulturgeographisch gefasst das Gebiet der altindianischen Hochkulturen bestimmt, auf der Festlandsbrücke zwischen Nord- und Südamerika und die heutigen Regionen des zentralen und südlichen Mexiko, das nördliche El Salvador, Belize, Guatemala und das westliche Honduras einbezieht.

„Als präkolumbisch bezeichnet man in der kulturellen Geschichte des amerikanischen Doppelkontinentes alles, was zeitlich vor der Neuen Welt vor 1492 durch die Entdeckung Amerikas entstand.“
Um etwa 800 v. Chr. entstehen erste städtische Zivilisationen, die sich besonders in den ersten beiden Jahrhunderten der nachchristlichen Epoche zu ausgeprägten Stadtstaaten entwickeln und sich im kulturellen und religiösen Bereich enorm entfalten.
Bereits in dieser Phase entstehen, von den Olmeken gebaut, „erste kleinere Pyramiden als Erdaufschüttungen mit Altären oder hüttenartigen Tempeln“.
Die Pyramide und deren Bauformen, sind eine „eigenständige Erfindung der mesoamerikanischen Kultur“, und werden zusammen mit dem „rituellen Menschenopfer und dem Ballspiel, das auf Ballspielplätzen ausgetragen wird, zu wesentlichen Elementen der Religionsausübung“.

Daneben entwickeln sich Kalendersysteme und die Schrift und tragen mit dazu bei, dass sich die klassische Phase der kulturellen Entwicklung zwischen den Jahren 250 bis 900 n. Chr. anschließt und sich mit der Entwicklung der Landwirtschaft und des Handels, der Verfeinerung der handwerklichen Techniken, einer Differenzierung von Sozialstrukturen und der Ausbildung einer technokratischen Herrschaftsform eine eigenständige Hochkultur ausbilden kann.
Bereits die Treppenanlagen des Monte Alban der Zapoteken um 200 v. Chr. weisen wesentliche Merkmale und das Besondere der mesoamerikanischen Baukultur auf und spielen städtebaulich bereits eine prägende Rolle. Zunächst war der Winkelgrad der Treppen 35 Grad, steigert sich aber im Laufe der baulichen Entwicklung auf 75 Grad im Neigungswinkel, wobei die Trittfläche der Stufen immer schmaler ausgeprägt, als die Seite hoch ist.
Die Pyramiden erreichen eine Höhe von 75 Meter, die mit dem Talud-Tablero-System (Talud bedeutet „Böschung, Schräge) eine besondere Bauweise erhalten, die nicht auf einen Schlussstein angewiesen ist, um die Stabilität des Bauwerkes herzustellen. Aus einem Wechsel aus senkrechten Schichten, schrägen Schichten und einer Schuttmasse, die für die Stabilität sorgt, entstehen eigenständige Bauglieder, mit Raumtiefen von 3-4 Metern.

In der klassischen Phase kommen den Pyramiden und den Ballspielplätzen als monumentale Kultstätten und Orte von religiös geprägten Zeremonien eine besondere Bedeutung zu. Auf den Pyramiden fanden die rituellen Menschenopfer als kultische Handlung statt, um die Götter wohl zu stimmen. Die Geopferten mussten den steilen Treppenweg symbolisch der Sonne entgegen- und empor klettern. Anschließend wurde ihnen der Brustkorb geöffnet und das Herz entnommen.
Abschließend warf man die Geopferten - dem Tod entgegen - die Treppe hinunter. Vom religiösen Glauben getragen und von der großen Angst befallen, dass die am Abend untergegangene Sonne am nächsten Tag nicht mehr aufsteigen würde, galten diese rituellen Opfergaben als Botschaft für eine Versöhnung an die Götter. Schädelgerüste (Tzompantlis) als Steinbauten errichtet, erinnern an die Geopferten, um die Erinnerung an die Geehrten für ewig zu erhalten.
Ähnlich das rituelle Ballspiel mit einem 4-6 Kilogramm schweren Kautschukball: Wenn der Ball zu Boden fiel, symbolisierte er die gefallene Sonne. Derjenige, der die Sonne zu Boden fallen ließ, wurde ebenfalls geopfert und starb einen Heldentod als der wahre Sieger des Spiels, weil er damit die Götter versöhnte.
Mit der Eroberung durch die Spanier fand die klassische und die sich anschließende postklassische Periode und die damit verbundene Hochkultur in Mesoamerika im 16. Jahrhundert ihr Ende.
Giessen, 29. März 2006
Mai 2012
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