
Die Richtung spielt in der medialen Welt keine Rolle; der Blick ist intim
(Bild: Frank Sygusch)
GIESSEN (fsy). Der Künstler und Medienwissenschaftler Andreas Walther (* 1971) arbeitet im spannungsreichen Medienfeld der intimen Beziehungen. Und mit dem Blick des Betrachters auf seine aktuelle Ausstellung wagt er sich in die mikrosoziologischen Ebenen der Rekonstruktion von spontanen Familienportraits im glasklaren Spiegelbild.

Andreas Walther (Bild: Frank Sygusch)
Das ist spannend, weil die eigene Herkunftsfamilie den meisten Menschen vollkommen fremd ist, solange kein Leidensdruck im Detail besteht oder die Gefahr der Dekompensation droht. Wenn aber über die eigene Herkunft kein räumliches Wissen und keine Selbsterfahrung bestehen, dann existiert in diesen Bereichen nur das Vergessen; das Tabu; und die Abwehrformen der Psyche, in die der Geist so schwer Zugang findet, und in der kulturellen Eigenart der Grenzlinien zwischen dem eigenen Ich und den anderen. Dann aber kann kein einziges authentisches Abenteuer entstehen und die Menschen spielen ihre Rollen, ohne zu ahnen, wer sie sein möchten.

In wunderbaren Bildsequenzen lässt der mutige Künstler eine soziologische Geschichte von 10 Minuten entstehen, die hauptsächlich die Körperlichkeit und die radikale Sprache der medialen Welt offen legt. Es ist kaum zu glauben, aber mit den Arbeiten von Andreas Walther weht ein bisschen Avantgarde in die Giessener Kunstwelt hinein, die ansonsten immer sehr streng die Theorie des Sozialen akademisch von der Kunstwelt zu separieren sucht; oder einfach all das abspaltet, wenn und weil es die eigene Identität so direkt zu berühren scheint.
Mit der Möglichkeit der Kunstform als mögliche Videographie und dem Spiegel als Bild und Symbol hat sich der Künstler Walther eine neue Bedingung geschaffen, die es zulässt, dass die Projektion im spontanen Geschehen aufgehoben wird. Das ist genial, weil sich die Kunstform, die dadurch entsteht selbst entledigt, wenn die Betrachter eigene Anteile im Geschehen vor dem Spiegel wahrnehmen und in eine Interaktion mit dem Kunstwerk treten, das sie selbst als Abbildung erscheinen lässt. Das sichtbare Bild von sich selbst und den vertrauten Anderen wird zur eigenen Grenze und zu einer Außenwelt, die aber gar nicht sichtbar wird, weil sich die Blickrichtung zurückgespiegelt nach innen richtet.

Der Aufbau und der vorgegebene Rahmen für die Inszenierung scheinen einfach gestaltet zu sein; doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich eine enorme und komplexe Struktur, die mehreren Denkformen für eine Reflexion und Ausbreitung genügend Raum lassen. Jede Phantasie bekommt ihren Platz und das intuitive Denken der Phänomenologie greift sich die Logik ab, damit beide zum Verstehen bringen, was sich dem Kunstbetrachter entzieht: die Intimität in der sozialen Rolle erzeugt eine körperliche Spannung, die sich medial entlädt.

Der Künstler bat mehrere Familien aus Taiwan, Indien, China und Deutschland in jeweils frei gewählter Sitzordnung vor einem großen Spiegel Platz zu nehmen. In mitten des Spiegels befindet sich ein Loch, durch das die Videokamera die Familien in unveränderter Kameraeinstellung für exakt 10 Minuten portraitiert.
Die Familien haben die Schuhe auszuziehen, damit das weiße ausgelegte Papier nicht verschmutzt wird und die Personen dürfen sich während der Aufnahme nicht über gesprochene Sprache mitteilen. Es ensteht eine archäologische Sackgasse und ein Zusammenhang zwischen sozialer Interaktion und Körperlichkeit stellt sich ein, weil die Sprache nicht reden darf. Und bald treten für den Betrachter sichtbare Körpererscheinungen auf, die einer Dynamik zu folgen scheinen.

Zunächst schweigt die Familie und lässt den Spiegel sprechen; oder ist es das Spiegelbild, das schweigt und der weiße Hintergrund redet. Sind es die Körper, die über Laute syntaktieren, entsteht eine Leiblichkeit des Sozialen? Und kann der Betrachter überhaupt etwas entschlüsseln?

Entstehen hier plötzlich lyrische mediale Ereignisse, die sich nur aus der Form der Selbstbetrachtung ergeben und in der Kommunikation nach allen Seiten konkret sind?

Giessen, 04. Februar 2007 / alle Fotos: Frank Sygusch
Februar 2012
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