Studierende des ersten Jahrgangs feierten gemeinsam mit den Professoren die Halbzeit im neu eingerichteten Studiengang Materialwissenschaften an der Universität Giessen
Prof. Dr. Jürgen Janek (li.) , Physikalisch-Chemisches Institut, und Prof. Dr.Bruno K. Meyer, I. Physikalisches Institut, gemeinsam mit den beiden Studierenden Jochen Reinacher (re.) und Daniel Reppin vor einem Gerät, das für die Entwicklung von Sensoren genutzt wird (Bild: Frank Sygusch)
GIESSEN (fsy). Aus dem Wissen heraus, dass die klassischen naturwissenschaftlichen Studienfächer an den Universitäten für sich alleine genommen keine grundlegenden Erkenntnisse und zukunftsweisenden Ergebnisse in der Erforschung und Anwendung von Materialien liefern können, führte man an der Universität Giessen mit dem Beginn des Wintersemesters 2005/06 einen neuen Bachelor- und Master-Studiengang „Materialwissenschaften“ (Advanced Materials) ein.
Der besondere Reiz des Studienfaches, das sich in der Hauptsache über den Erwerb von symmetrisch angeordneten Grundlagenmodulen aus den Bereichen Chemie (Allgemeine Chemie, Nichtmetall- und Festkörperchemie, physikalische Chemie und Thermodynamik) und der Physik (Mechanik, Elektrodynamik, Optik, Wärmelehre, Quantenmechanik) aufbaut, liegt am Studienansatz, der sich angemessen strukturiert an der Forschungstätigkeit orientiert. Die interdisziplinären Module werden als Unterrichtsform in Klassengrößen angeboten, denn pro Jahrgang sind 30 Studierende vorgesehen.
Direkt im Anschluss an den Aufbau der Grundlagen, zu denen die Mathematik dazuzählt, steigt der Studierende in die komplexe und faszinierende Welt der angewandten Materialwissenschaften ein und wird in die Strukturen und Eigenschaften, die Herstellung und Charakterisierung modernster Materialien eingeführt. Die Universität Giessen kann in verschiedenen und spezialisierten Arbeitsgruppen auf den Gebieten der Halbleiterforschung, der Oberflächen- , Grenzflächen- und Katalysatorforschung, der Festkörperelektrochemie, der Nanotechnologie und der funktionalen Materialien, wie der Sensortechnologie und der Erforschung und Entwicklung von Brennstoffzellen ausgewiesene Schwerpunkte anbieten. Im Kernbereich der Arbeitsgruppe Materialwissenschaften sind alle Professuren aus den Bereichen Festkörperphysik, Angewandte Physik, Theoretische Physik, Organische und Anorganischen Chemie und der physikalischen Chemie mit vertreten.
So lernen die Studierenden aktuelle Konzepte und Analyseverfahren praxisnah in Lehre und angewandter Forschung kennen, und die zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten der Natur auf atomaren Messskalen zu erforschen. Das ist eine Besonderheit und eine Chance für die Studierenden, denn so etwas ist überhaupt nur an wenigen Universitäten in dieser Form als modularisierter und fachübergreifender Studiengang möglich.
Seit wenigen Wochen steht ein hoch auflösendes Rasterelektronenmikroskop mit einem installierten EBSD-Detektor (EBSD = Elektron Backscatter Diffraction) am Fachbereich. Mit diesem Gerät und der dafür entwickelten Software kann aus dem Rücklauf von gebeugten Elektronen wichtige Strukturinformation in einer Auflösung in der Größenordnung bis ca. 20 Nanometer gewonnen werden. Das sind Forschungsbereiche, in denen Grundlagenkenntnisse über die Phänomene der Natur erforscht werden, um im Anschluss daran neue Technologien zu entwickeln, die in unserem Lebensalltag eingesetzt werden.
Und am Physikalisch-Chemischen Institut wird mit dem Flugzeit-Sekundärionenmassenspektrometer die Festkörperanalytik auf der Nanometer-Skala möglich und es erlaubt die bildhafte Darstellung (Imaging) von Masseinformation im Bereich der Bioanalytik - besonders in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Prof. Spengler (Analytische Chemie).
Der interdisziplinäre Bachelor-Studiengang in Giessen ist auf 6 Semester und den Erwerb eines berufsqualifizierenden Universitätsabschluss „Bachelor of Science“ angelegt. Daran an kann eine vertiefende Ausbildung in zwei Schwerpunktgebieten angeschlossen werden, um nach zwei weiteren Jahren den „Master of Science“ mit einer „Master Thesis“ abzuschließen. Ein Promotionsverfahren zum Dr. rer. nat. ist möglich.
Jetzt feierten die ersten Absolventen des ersten Jahrgangs des neuen Studienfaches die Halbzeit. Drei spannende und lehrreiche Semester haben die 1. Absolventen des ersten Jahrgangs abgeschlossen. Grund genug, um für die Begründer des Studienprofils, Prof. Dr. Jürgen Janek, Physikalisch-Chemisches Institut, und Prof. Dr. Bruno K. Meyer, I. Physikalisches Institut, gemeinsam mit den Mitarbeitern Dr. Eberhard Pitt und Dr. Bjoern Luerßen und den beiden Studierenden Jochen Reinacher und Daniel Reppin eine erste Bilanz zu ziehen und zu einem Pressegespräch einzuladen.

Prof. Dr. Jürgen Janek (Bild: Frank Sygusch)
Die ersten Studierenden der Materialwissenschaften sind nicht nur die Pioniere in diesem neuen Fach an der Justus-Liebig-Universität Giessen, sie gehören auch mit zu den ersten Studierenden in Giessen, die einen Studiengang nach den Vorgaben der Erklärung von Bologna (1999) und den Ausführungsbestimmungen von Bund, Land und Universität angetreten haben. In Bologna hatten vor knapp zehn Jahren 29 europäische Staaten beschlossen einheitliche Studienabschlüsse für Europa auszuarbeiten, die in allen beteiligten Ländern gleichermaßen anerkannt werden. Das ist ein großer Fortschritt, denn mit dem Erwerb des „Bachelor of Science“ in Giessen, kann diese akademische Urkunde auch für Bewerbungen im europäischen Ausland eingesetzt werden.

Aber nicht nur die Studierenden betreten Neuland, auch für die Hochschullehrer ist es eine neue Erfahrung den Studiengang Materialwissenschaften auszugestalten, und das Lehrangebot in dieser neuen Struktur eines Studiengangs anzubieten, der in fachübergreifenden Modulen gemeinsam organisiert werden muss. Besonders die materialwissenschaftliche Frage- und Aufgabenstellungen bilden in der heutigen Welt eines der wichtigsten naturwissenschaftlichen Querschnittsgebiete, das unseren Alltag mehr und mehr umgibt. Brillengläser sind mit besonderen technischen Verfahren und mit besonderen Schichten bedampft. Spezielle Lacke mit besonderen Oberflächeneigenschaften sind bereits von in der Region ansässigen Firmen entwickelt worden, die je nach Blickrichtung des Betrachters ihre Farbe verändern und „Stoffe aus denen die Zukunft gemacht ist“, werden bei Optimierungsfragen und Technologien für Batterien und elektrische Antriebsformen entwickelt. Einige Beispiele für Anwendungsgebiete aus den Materialwissenschaften, wie die Entwicklung von Schutzschichten in der Vergütung der optischen Verfahren bei der Herstellung von Elektronik-Chips oder die Nanoskalierung ionenleitender Materialien. In all diesen Bereichen ist man auf fachübergreifendes Wissen und gemeinsam gestaltete Projekte angewiesen und die beiden Studierenden berichteten, dass ihnen und den anderen Studierenden der Studiengang Spaß mache und spannend ist.

Daniel Reppin gehört zu den Pionieren der Studenten der Materialwissenschaften an der Universität Giessen (Bild: Frank Sygusch)
„Schon immer haben mich die Naturwissenschaften interessiert und hier bekomme ich jetzt eine Ausbildung, die mehrere Disziplinen integriert in einem Studiengang praxisnah anbietet“, erläutert der 20-jährige Daniel Reppin, der sogar als studentisches Mitglied im Prüfungsausschuss sitzt und sein Studienkollege Jochen Reinacher fügt hinzu, "dass die beruflichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit einem qualifizierten Abschluss in dem Fach Materialwissenschaften sehr gut sind“.

Jochen Reinacher, Student der Materialwissenschaften an der Uniuversität Giessen (Bild: Frank Sygusch)
Über die Studienberatung hat der 22-jährige Jochen Reinacher den Weg in seinen Studiengang gefunden, der ihm jetzt für die Zukunft als Naturwissenschaftler viele neue Wege und Möglichkeiten offen legen wird.
„Das ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir gemeinsam mit den Studierenden und gleichberechtigt mit allen Kollegen versuchen die besten Studienbedingungen zu entwickeln“, erklärte Prof. Dr. Meyer.
Der Anteil an Frauen im ersten Jahrgang des neuen Studiengangs Materialwissenschaften an der Giessener Universität ist mit 25% überdurchschnittlich hoch und „das ist wichtig für uns. Früher studierten die jungen Frauen eher in den Studiengängen Medizin; Pharmazie oder Biologie und in den Lehrämtern für die allgemeinbildenden Schulen. Aber das ändert sich gerade und Frauen nehmen am neuen Studiengang der Materialwissenschaften teil“, erklärte Prof. Janek.

Prof. Janek (li.) und Prof. Meyer (Bild: Giessen-Server.de)
Zur Mitte und am Ende eines Semesters werden Fragebögen zur Evaluation des Studiengangs von den Studierenden ausgefüllt und „so ist gewährleistet, dass wir wissen, wie uns die Studierenden in den Lehrveranstaltungen beurteilen und erleben“, berichten Dr. Bjoern Luerßen und sein Kollege Dr. Eberhard Pitt, die für alle Studierenden und Interessierten die Ansprechpartner für fachliche Auskünfte zum neu geschaffenen Studiengangs sind (siehe auch Informationen am Ende des Beitrags).
„Nur so kann man heute eine qualifizierte Ausbildung an Universitäten begleiten“, um sicher zu stellen das die Sozialformen und Unterrichtsmethoden in den Vorlesungen, Seminaren und Praktika didaktisch und kompetent stattfinden.

Dr. Eberhard Pitt (Bild: Frank Sygusch)
"Einen weiteren Schwerpunkt im Studiengang Materialwissenschaften bildet das Studienprojekt von 6 Wochen in der vorlesungsfreien Zeit", das sich der Studierende je nach Schwerpunkt frei auswählt, erklärte Dr. Eberhatd Pitt.. Auch hier helfen die Professoren und Mitarbeiter Kontakte zu den vielen mittelständischen Unternehmen in der Region herzustellen. „Wir sind froh, dass es in der Region zahlreiche erstklassige Unternehmen gibt, mit denen die Zusammenarbeit sehr gut klappt und die Studierenden davon profitieren können, wenn es um die konkreten Industrieanwendungen geht“. Außerdem sind die Materialwissenschaften als Forschungsaufgabe in der Region Mittelhessen eingebunden in die Kooperation zwischen den Universitäten Giessen und Marburg und der Fachhochschule Gießen-Friedberg.

Dr. Bjoern Luerßen (Bild: Frank Sygusch)
„Der neue Studiengang richtet sich an naturwissenschaftlich Interessierte, die sich auf einem modernen und sich schnell entwickelnden Forschungsgebiet mit vielfältigen Karrieremöglichkeiten an Hochschulen, Forschungsinstituten und in der industriellen Grundlagenforschung ausbilden lassen wollen. Der Studiengang ist aber auch für zukünftige Absolventen geeignet, die den Reiz von Physik und Chemie in ihrer Praxisrelevanz sehen und sich durch ein fachübergreifendes Know-How für ein breites industrielles Spektrum qualifizieren möchten.“
Auch die Patentverwertungsagentur der drei mittelhessischen Hochschulen TransMIT GmbH, die bei der im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführten Evaluierung der 21 bundesdeutschen Patent- und Verwertungsagenturen den ersten Platz belegte, steht der AG Materialwissenschaften zur Seite, damit die gemeinsam mit den Unternehmen entwickelten Produkte auf dem Industriemarkt ihre Verwertung finden. Auch das kommt den Studierenden im Studiengang Materialwissenschaften zugute, wenn sie zum Abschluss ihrer Ausbildung etwas entwickeln oder vielleicht sogar neu entdecken oder erfinden.
Informationen und Kontakt:
http://www.uni-giessen.de/materialwissenschaften/
Bewerbungsunterlagen:
www.uni-giessen.de/studium
Für fachliche Auskünfte zum Studiengang:
Dr. Ebehard Pitt
Tel.: 0641 – 99 – 33118
Eberhard.j.pitt@physik.uni-giessen.de
Dr. Bjoern Luerßen
Tel.: 0641 – 99 – 34541
Bjoern.luerssen@phys.chemie.uni-giessen.de
Giessen, 06. Februar 2007 / alle Bilder: Frank Sygusch (giessen-server.de)
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