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Mehrwertsteuer belastet Einzelhandel

Zufriedene Industrie – Gegenwart ist positiv



GIESSEN-FRIEDBERG (mip/r).                             Die konjunkturelle Situation hat sich weiter verbessert. Nachdem sich bereits im letzten Quartal des vergangenen Jahres eine deutliche Verbesserung angedeutet hatte, ist nunmehr eine weitere Aufwärtsbewegung erkennbar. Die boomende Weltkonjunktur hat jetzt auch die Binnennachfrage angespornt. Damit bleibt die Industrie in einer erfreulichen Aufwärtsbewegung. Die Besserung im Baugewerbe hat sich ebenfalls verstetigt. Der Dienstleistungssektor berichtet gleichermaßen von guten Geschäften. Der Einzelhandel verharrt auf dem Niveau des vergangenen Jahres. Ein recht zufrieden stellendes, gleichsam spät einsetzendes, Weihnachtsgeschäft und eine Nachfrage, die offenbar die Mehrwertsteuererhöhung durch Käufe im vergangen Jahr umgehen wollte, sorgten für Zufriedenheit bei den Händlern. Offen bleibt, wie sich die private Nachfrage zeigt, wenn die Rabattschlachten geschlagen sind und der Handel beginnt die Steuererhöhungen an den Verbraucher weiter zu geben. Die Händler gehen mehrheitlich davon aus, dass die sinkende Kaufkraft für einen spürbaren Rückgang der Konsumlust sorgt.

Der Trend zu Personalkürzungen scheint gestoppt. In einigen Industrie- und Dienstleistungsbereichen wird wieder Personal gesucht. Jetzt werden sogar wieder Klagen über einen Mangel an Fachkräften laut.

Diese Ergebnisse hat die aktuelle Konjunktur-Umfrage der IHK Giessen-Friedberg zum Jahreswechsel ergeben. Die Befragung fand von Mitte Dezember bis Anfang Januar statt. Befragt wurden gut 1.000 Unternehmen aus den Landkreisen Giessen, Vogelsberg und Wetterau.

Der Klimaindex liegt aktuell bei 113,7. Vor genau einem Jahr lag er bei 102,3. Im vergangenen Quartal lag er bei 105,2. Damit wurde eine deutliche Verbesserung des wirtschaftlichen Klimas, sowohl im Vergleich zum Vorjahr, als auch im Vergleich zum Vorquartal festgestellt. Der Klimaindex für das Bundesland Hessen liegt aktuell bei 123,8. Er lag im vergangen Jahr bei 113,5 und im vergangenen Quartal bei 116,1. Auch hier der gleiche Trend: Eine klare Verbesserung der Stimmung gegenüber dem Vorjahr und eine weitere Verbesserung gegenüber der Herbstumfrage. Der Klimaindex ist ein Durchschnittswert aus den Antworten zur Gegenwart und zur Zukunft. Er kann zwischen 200 als bestem Wert und Null als schlechtestem Wert liegen.

Lebhaftes Wachstum in 2006

Die deutsche Wirtschaft ist im vergangenen Jahr so kräftig gewachsen wie seit sechs Jahren nicht mehr. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes lag bei 2,5 Prozent. Im Vergleich zu 2005 (plus 0,9 Prozent) war das Wachstum damit mehr als doppelt so stark. Für das laufende Jahr gruppieren sich die Prognosen um eine Wachstumsrate von 1,5 Prozent. Grund für das gebremste Wachstum ist die Mehrwertsteuererhöhung. Erfreulich ist auch der leicht ansetzende Aufbau der Beschäftigung. Die größte Dynamik im vergangenen Jahr ging wiederum von den Exporten aus. Die Ausfuhren nahmen um zweistellige 12,4 Prozent zu. Den Titel des Exportweltmeisters konnte Deutschland verteidigen. Gestiegen sind auch, dank guter Gewinne, die Investitionen der Unternehmen (plus 7,3 Prozent). Der private Konsum schließlich wuchs um 0,6 Prozent. Neben dem Schwung aus der Fußball-Weltmeisterschaft ist dieses leichte Wachstum insbesondere in Vorzieheffekten aus der Mehrwertsteuererhöhung begründet.

Gegenwart sehr positiv

Insgesamt sind im IHK-Bezirk derzeit 39,2 Prozent der Unternehmen mit der wirtschaftlichen Lage zufrieden. Vor einem Jahr waren nur 25,3 Prozent der Unternehmen zufrieden. Die Zahl der unzufriedenen Stimmen hat sich genau umgekehrt entwickelt: 12,4 Prozent der Unternehmen empfinden die Gegenwart als schlecht, 20,4 Prozent waren es noch vor einem Jahr. Damit erreicht die gesamte Wirtschaft des IHK-Bezirkes bei der Beurteilung der derzeitigen Geschäftslage einen klaren positiven Stimmensaldo von 26,8 Prozentpunkten. Vor einem Jahr lag dieser positive Saldo bei genau 4,9 Prozentpunkten. Diese sehr erfreuliche Entwicklung hat ihren maßgeblichen Grund in der ausgezeichneten Stimmung bei der Industrie. Dort sind enorme 52,7 Prozent der Betriebe zufrieden, gegenüber 32,9 Prozent im Vorjahr. Mithin eine Steigerung um fast 20 Prozentpunkte.

Für das kommende Halbjahr gehen 22,5 Prozent aller Firmen von einem günstigeren Verlauf aus. Vor einem Jahr waren 21,1 Prozent aller Betriebe optimistisch gestimmt. Auch die Zahl derer, die von einem ungünstigeren Verlauf der kommenden sechs Monate ausgehen, hat sich in den drei Befragungszeiträumen kaum geändert und liegt aktuell bei 20,6 Prozent (gegenüber 21,4 Prozent im Vorjahr). Damit halten sich die optimistischen und die pessimistischen Einschätzungen zur zukünftigen Geschäftslage nahezu die Waage. Während die gesamte Wirtschaft der Region über eine große Zufriedenheit mit der aktuellen Situation berichtet, geht man in das Jahr 2007 mit einer ordentlichen Portion Skepsis.

Industrie: Zufrieden mit der Gegenwart

Genau 52,7 Prozent (32,9 Prozent im Vorjahr) der Industriebetriebe sind mit der aktuellen Lage zufrieden. Unzufrieden sind derzeit 4,1 Prozent (16,1 Prozent im Vorjahr) der industriellen Unternehmen. Ein famoses Ergebnis, das eindeutig eine konjunkturelle Boomsituation beschreibt. Denn ein positiver Stimmensaldo von rund 48 Prozentpunkten ist realistisch betrachtet kaum zu verbessern.

Für die kommenden sechs Monate allerdings nimmt die Zahl der Optimisten dann nur noch in geringerem Umfang zu: 29,0 Prozent (21,9 Prozent im Vorjahr) gehen von einem günstigeren wirtschaftlichen Verlauf aus, während bei 15,9 Prozent (12,9 Prozent im Vorjahr) die Skepsis überwiegt. Die in der gesamten Industrie eher zaghaft geäußerte Skepsis ist im Sektor der Ge- und Verbrauchsgüter am höchsten: Dort ist mittlerweile ein Drittel (22,0 im Vorjahr) der Betriebe skeptisch, was den Verlauf des kommenden halben Jahres betrifft.

Beeindruckende Resultate ergeben sich insbesondere beim Blick auf den Stimmensaldo. Der liegt in der gesamten Industrie bei 48,6 Prozentpunkten für die Gegenwart, gegenüber 16,8 Prozentpunkten im Vorjahr. Für die kommenden sechs Monate liegt der positive Stimmensaldo bei 13,1 Prozentpunkten. Vor einem Jahr lag er gerade einmal bei 9,0 Prozentpunkten.

Bei den Herstellern von Investitionsgütern liegt der Stimmensaldo bei 63,3 Prozentpunkten. In diesem exportorientierten Sektor gibt es keine einzige negative Einschätzung zur Gegenwart. Bei den Herstellern von Ge- und Verbrauchsgütern ist der positive Stimmensaldo auf 38,9 (im Vorjahr gab es einen negativen Stimmensaldo von 7,3 Prozentpunkten). Das bedeutet: Zufriedenheit und Zuversicht bei den exportorientierten Betrieben, aber auch bei der der konsumnahen Industrie.

Insgesamt kommt die Industrie auf einen Klimaindex von 129,7 (112,8 im Vorjahr). Deutlich unter dem Durchschnitt liegen die Produzenten von Ge- und Verbrauchsgütern. Dort kommt man lediglich auf einen Klimaindexwert von 114,4 (91,5 im Vorjahr). Dies ist zwar eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig aber drückt sich hier die Vorsicht der konsumnahen Güterproduzenten angesichts befürchteter neuerlicher Konsumzurückhaltung wegen der Mehrwertsteuer aus. Deutlich vorn dagegen sind die Investitionsgüterproduzenten, die mit 143,7 eine weitere erhebliche Steigerung gegenüber einer bereits ordentlichen Basis aus dem Vorjahr (128,8) vorweisen. Genau im Durchschnitt liegen die Vorleistungsgüterproduzenten.

Der Vergleich der IHK-Ergebnisse mit dem Hessen-Trend ergibt in etwa die gleichen Relationen. Auch hier liegt die Industrie weit über dem Klimaindex der gesamten Wirtschaft. Innerhalb der Industrie sind die Investitionsgüterproduzenten weit vorn. Die konsumnahen Güterproduzenten liegen deutlich unter dem Hessen-Durchschnitt, während die Vorleistungsgüterherstellter genau im Durchschnitt liegen. Damit können regionale Besonderheiten mehr oder weniger vernachlässigt werden und das Fazit wird bestätigt: Die gesamte Industrie ist sehr zufrieden. Mit Optimismus blicken die exportorientierten Unternehmen nach vorn. Die Konsumgüter herstellenden Betriebe neigen zur Skepsis.

Bau einigermaßen zufrieden

Derzeit sind immerhin 44,0 Prozent mit der Gegenwart zufrieden. Vor einem Jahr gab es keine einzige positive Stimme. Unzufrieden sind aktuell 22,2 Prozent der Baubetriebe. Weitaus weniger als vor einem Jahr (33,3 Prozent). Bei der Beurteilung der künftigen Geschäftslage geht man allerdings von einer schlechteren Entwicklung aus. Es gibt keine einzige Stimme, die die zukünftige Geschäftslage günstiger sieht. Im Vorjahr war jedes dritte Unternehmen zuversichtlich. Gleichzeitig ist die Zahl der skeptischen Stimmen auf 22,5 Prozent (33,3 Prozent im Vorjahr) gefallen. Der Klimaindex liegt bei 97,5 (81,6 im Vorjahr). Damit liegen die hiesigen Betriebe des Baugewerbes recht deutlich hinter dem hessischen Umfrageergebnis.

Der Wohnungsbau wird im kommenden Jahr unter dem Auslaufen der Sondereffekte aus der Abschaffung der Eigenheimzulage und der Vorzieheffekte aus der Mehrwertsteuererhöhung leiden. Diesen Rückgang wird der Wirtschaftsbau trotz höherer Investitionsneigung der Verarbeitenden Gewerbes kaum aufholen können.

Einzelhandel: Anschlag auf die Konsumneigung

Genau 17,2 Prozent (6,8 Prozent im Vorjahr) der Einzelhandelsbetriebe sind mit der Gegenwart zufrieden. Von einer schlechten derzeitigen Geschäftslage berichten dagegen 27,6 Prozent (28,8 Prozent im Vorjahr) der Händler. Für die kommenden Monate deuten sich erhebliche Veränderungen an: Nur noch 3,4 Prozent (14,0 Prozent im Vorjahr) sind optimistisch. Im Herbst waren noch 13,0 Prozent der Händler zuversichtlich. Nunmehr sind 37,9 Prozent (42,1 Prozent im Vorjahr) skeptisch. Die Veränderung deutet sich auch beim Vergleich mit der Herbstumfrage an. Denn bei der Umfrage im vergangenen Quartal waren lediglich 31,5 Prozent der Einzelhändler pessimistisch. Der Klimaindex liegt aktuell bei 76,6 (74,9 im Vorjahr, 88,6 im Herbst.

Durch die Fußballweltmeisterschaft, durch ein halbwegs zufrieden stellendes Weihnachtsgeschäft und durch einen leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit hat sich die Konsumneigung im vergangenen Jahr etwas verbessert. Nunmehr passiert das, was der Gesetzgeber beabsichtigt hat: Der Verbrauch wird teuerer. Bei gegebenem Einkommen ist es leicht nachzuvollziehen, dass dann der private Verbrauch sinkt. Nach langen Jahren äußerst schleppender Konsumentwicklung konnte dem Einzelhandel nichts Schlimmeres passieren, als dieser enorme Rückgang der Kaufkraft.

Giessen, 07. Februar 2007


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