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GIESSEN (fsy). Unter dem Titel „Ornamentalistik der Pflanzen“ eröffnete gestern Abend die Kuratorin der Kunsthalle in Giessen Dr. Ute Riese eine Ausstellung mit Fotografien von Martin Lehmann-Ebenig in der Reihe „Du bist dran“ im Atrium des Rathauses in Giessen.
Die Konzeptidee will die regionale Kunstszene vernetzen helfen und im Atrium des Rathauses mit großzügigen Wandflächen zusätzlichen Raum für Präsentationen von Kunst für Fotografie und Grafik anbieten. Das Projekt basiert darauf, dass die Künstlerinnen und Künstler der Region die Reihe „Du bist dran“ kuratorisch mitbetreuen und jeweils die Nachfolgeposition vorschlagen und im Dialog inhaltlich vorstellen. Frank Sygusch, der im vergangenen Jahr 2009 im Atrium des Rathauses „Tanzfotografie“ ausgestellt hatte, wählte als Nachfolgeposition den Fotografen Martin Lehmann-Ebenig zum Auftakt für die neue Reihe aus.
Nach der Begrüßung durch die Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und einer Einführung von Frank Sygusch in die Arbeiten des Künstlers, konnten die Gäste der Vernissage die Werke im Atrium des Rathauses auf zwei Etagen kennen lernen.
Eine - fast zeitgleiche - Ausstellung zu den ausgewählten und prämierten Entwürfen der Landschaftsarchitekten zur Landesgartenschau 2014 wurde einen Tag zuvor in der Kunsthalle in Giessen eröffnet. Passend zu den Fragestellungen, die in Giessen die zukünftige Stadtentwicklung begleiten sollen, präsentieren sich damit Kultur und Stadtraum gemeinsam der Öffentlichkeit im Rathaus als sich gegenseitig ergänzende thematische Veranstaltungen.
Die Fotografien von Martin Lehmann-Ebenig zeigen Pflanzen in ihren eigenartigen und einzigartigen Formen und Schönheiten der Natur. Die Abbildungen bieten wunderbare Einblicke in naturhafte Formwelten. Lehmann-Ebenig, der aus Giessen kommt, hat alle Pflanzen, die er hier abgelichtet zeigt, selbst gesucht und in der umliegenden Region seines Wohnortes gefunden. Er selbst spricht von einer „Ornamentalistik der Pflanzen“.
In strenger Reihung hat er die Ordnung der Größenverhältnisse der Pflanzen mithilfe der Optik der Kamera angeglichen, um dem Auge Einblicke zu ermöglichen, die sonst gar nicht möglich wären.
Die kleinste Pflanze in natura ist gerade einmal 5 Millimeter. Es ist der „Hartriegel“, der cornus sanguinea. Wenn er blüht ist er blutrot und wird als Hundsbeere benannt; die größte Pflanze in der Reihung, ist der „Blauregen“ mit gut 1000 Millimeter, also 200 Mal so groß.
So gesehen entstehen mit dem Einsatz der fotographischen Technik erst einmal die Möglichkeiten der Bedingung, über den Vergleich von Formen und einzelnen Details, etwas mit dem Auge genau zu erfassen, was abgebildet ist.
Die hohe Schärfentiefe der Aufnahmen von Lehmann-Ebenig erreicht dabei ein wirkungsvolles Maß an klarer Sichtbarkeit der Details und der jeweilige Bildhintergrund bleibt neutral gehalten und hebt zurückhaltend bestimmte ästhetische Aspekte der einzelnen Pflanzen hervor.
Lehmann-Ebenig zeigt in seinen Fotografien grundlegende Formen der Natur und regt damit an zur künstlerischen Auseinandersetzung über Form und Struktur nachzudenken.
Mit einem Seitenblick auf die Geschichte der Fotographie erinnern die Aufnahmen unweigerlich an die berühmten Pflanzenbilder von Karl Blossfeldt, der 1928 mit seinem Buch „Urformen der Kunst“ ein wichtiges Werk in der neusachlichen Fotografie aufgelegt hatte; oder auch an Bilder von Albert Renger-Patzsch, der in seiner grundsätzlichen Arbeit mit Pflanzenaufnahmen eine formale Neubestimmung der Kunst in der Moderne suchte.
Bieten aber die Pflanzenbilder auch Raum für eine assoziative, eine intuitive und persönliche Betrachtungsweise? Und können die Fotografien auch visuelle Erinnerungen sein und mehr als bloße Abbildungen, wenn wir die feinen Äderchen auf der etwas schrumpeligen und braun-matten Haut der amerikanischen Pimpernuss sehen, die wie eine Grenzfläche zwischen dem Innen und dem Aussen wirken.
Wir können auf die feinen, zarten und weißen und hauchdünnen Härchen am Blütenkelch der Aasblume blicken, die den genaueren Blick auf ein Inneres zu verdecken und zu verstellen scheinen - vielleicht die Schönheit der Farbe?
Geformt aus vielen spitzen, scharfkantigen; zackenförmigen zugespitzen und steil-aufragenden kleinen Speeren erkennen wir über die Oberfläche eine kugelrunde Distel; und in dezentem, glänzendem Grün die filigran gebogenen Formen des „Gemeinen Wurmfans“, die natürlich wie beim „drüsigen Springgraut“ an gediegene Formen erinnern, die wir in der Architektur, im Kunsthandwerk und im Städtebau als florale Verzierungen an Bauten des Jugendstils bemerken.
Eine große Anzahl der Pflanzen von Martin Lehmann-Ebenig zeigt in der Oberfläche mit einer pieksigen, spitzen, scharfkantigen, stacheligen, borstigen, dornigen, kratzbürstigen, steilen, struppigen, ruppig-widerspenstigen Vielfalt eine ausgefallene Formschönheit, die alles andere als kühl und glatt daherkommt.
Die Sachlichkeit, die vielleicht auf den engen Zusammenhang von Funktion und Form in den Bildern verweisen könnte, erhält damit einen paradoxen Hinweis auf eine ästhetische Faszination.
Ist das vielleicht ein Hinweis auf eine Tiefe, die sich in der Oberfläche versteckt?
Was an den fotographischen Arbeiten von Martin Lehmann-Ebenig besonders auffällt, ist die Art und Weise, wie es ihm in seinen Fotografien gelingt den Blick des Betrachters auf die merkwürdig-anmutenden Schönheiten der verwelkten Pflanzen und Blüten zu lenken und das festzuhalten, was sich verändert hat im Wandel der Zeit.
Seine Bildsprache hat eine hohe Qualität und auf den Betrachter wirken die aufgenommen Objekte in ihrer Gegenständlichkeit klar. Dem Auge wird die Möglichkeit für ein vergleichendes Sehen geschaffen und der Betrachter wird über die Beobachtung angeregt, selbst grafische Details zu suchen und zu erkennen.
Wer sich der Oberfläche der Fotografien nähert, und sich der Bildgegenwart aussetzt, wird in den Arbeiten des Künstlers auch ein klares Vermögen entdecken, das etwas unwirkliches, ja traumhaftes, traumhaft-sinnliches im Prozess der Betrachtung freizusetzen vermag.
Die Ausstellung mit den Fotografien
von Martin Lehmann-Ebenig ist
bis zum 19. März 2010
im Atrium des Rathauses in Giessen,
Berliner Platz 1, zu den Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen.
Giessen, 06. Februar 2010 / Beitrag und Text: Frank Sygusch / Kamera: Jannik Sygusch
September 2010
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