Musik von Arvo Pärt, Alban Berg und Arnold Schönberg
mit dem Philharmonischen Orchester Giessen
GIESSEN (mip/r). Die Troerin Cassandra gehört zu den ungewöhnlichsten Frauen der griechischen Mythologie. Ihre Gabe es ist, Geschehnisse zu sehen, bevor sie eintreten. Doch ihr Schicksal ist grausam: Niemand schenkt ihren Ahnungen Glauben – so hat es der Gott Apollon bestimmt, dessen Liebe sie verschmähte. Cassandras wohl berühmteste Vorhersagung ist der Untergang der Stadt Troja, der durch das Troianische Pferd samt der darin versteckten Griechen besiegelt wird. Mit Troja geht auch Cassandra selbst zugrunde: Geschändet und versklavt tritt sie ihre letzte Reise nach Mykene an, wo sie von Klytaimnestra gemordet wird.

Magdalena Stoyanova und Meindert Ewout Peters in Cassandra - Tanzstück von Tarek Assam
(Foto: Rolf K. Wegst über die Presseabteilung des Stadttheaters Giessen)
Bis in unsere Zeit hinein hat Cassandra ihre Spuren hinterlassen, unter anderem in der 1983 publizierten Erzählung KASSANDRA von Christa Wolf. Die aus der DDR stammende Schriftstellerin bediente sich des Mythos, um die Missstände ihrer Zeit und ihres Landes anzuprangern: Die mit der nuklearen Aufrüstung zwischen Ost und West verbundene Irrationalität des (Kalten) Krieges und die innergesellschaftlichen Zwänge eines zum Stillhalten, Schweigen und Fähnchenschwenken genötigten, „parteieigenen“ Volkes. Bei Christa Wolf nimmt die Titelheldin Troja als einen Ort wahr, an dem ein Krieg geführt wird, der sich nur durch die sich ständig weiter drehende Spirale aus Lügen am Leben hält. Zehn Jahre des Kampfes haben ihre Spuren hinterlassen. Die Gesellschaft ist ausgeblutet, die Wahrheit zur Farce verkommen, und an den Anlass des Krieges kann sich niemand mehr wirklich erin-nern – oder vielleicht will man sich aber auch gar nicht mehr daran erinnern. An den Krieg hat man sich längst gewöhnt, an die Phantome, die ihn auslösten, ebenso. Es ist kein Platz mehr da für Kassandra, eine Seherin, die doch nur sieht, was alle sehen könnten, wenn sie es denn wollten.

Magdalena Stoyanova und Morgane de Toeuf in Cassandra - Tanzstück von Tarek Assam
(Foto: Rolf K. Wegst über die Presseabteilung des Stadttheaters Giessen)
Für ihre Interpretation des Mythos haben sich Ballettdirektor Tarek Assam und die Tanzcompagnie Gießen – zu verschiedenen Kompositionen von Arvo Pärt, Alban Berg und Arnold Schönberg – die Sichtweise von Christa Wolf zueigen gemacht. Denn wirft man einen Blick auf die Konflikte des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, so zeigt sich diese Erzählung von einer erstaunlich aktuellen und zeitlosen Seite. So folgt das Tanzstück CASSANDRA als choreographische Spurensuche dem Schicksal einer Frau, die verzweifelt versucht, eine sich permanent im Krieg befindliche Gesellschaft zu retten und sich dabei selbst verliert.
CASSANDRA (UA)
Tanzstück von Tarek Assam
nach Motiven aus der gleichnamigen Erzählung von Christa Wolf
Musik von Arvo Pärt, Alban Berg und Arnold Schönberg
mit dem Philharmonischen Orchester Giessen
Premiere: 19. Februar 2010 | 19.30 Uhr | Großes Haus im Stadttheater Giessen
Choreographie: Tarek Assam | Musikalische Leitung: Carlos Spierer |
Bühne und Kostüme: Lukas Noll
Mit:
Morgane de Toeuf, Antonia Heß, Svende Obrocki, Magdalena Stoyanova;
Keith Chin, Eion Mac Donncha, Meindert Ewout Peters, Victor Villarreal Solis
Philharmonisches Orchester Giessen
Giessen, 16. Februar 2010 / Bilder: Rolf K.Wegst (über die Presseabteilung des Stadttheaters Giessen)
September 2010
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