GIESSEN. Die aktuelle Ausstellung von Johanna Staniczek „Malerei und Zeichnung“ in der Kunsthalle in Giessen vereint eine Auswahl an Werken unter dem Titel „Heute und vor 20 Jahren“. Den Arbeiten aus den 80ger Jahren, die symmetrisch am Bildmotiv und der durchdachten Bildwirkung orientiert sind, und in denen sich die Bildtiefe, wie ein fehlender Dorn im Licht verliert und ausdrückt, um dem Symbol Beachtung und Raum zu geben, stellt die Künstlerin Werke mit neuen Bildthemen und Maltechniken gegenüber, die sich streng am intuitiven Denken, den Farbphänomenen und einer Farbraumwirkung entlang entwickeln.

Johanna Staniczek lebt und arbeitet in Giessen und Berlin (Bild: Frank Sygusch)
Nicht der Bildgehalt aus markanten Elementen, die sich in der genauen Einteilung einer Bildfläche verteilen, sondern ein dynamischer Prozess in der Wechselwirkung lässt eine Komposition aus Bilderinnerung und Farbe in der Bildbetrachtung entstehen.

"Schwarzes Kohlröschen" / "Graphit hell" / "Arnika" / "Graphit dunkel" / "Küchenschelle"
Die in den Jahren 2005 und 2006 entstandenen, großformatigen und zarten Pflanzen, die nebeneinander als mehrteiliges Bild aufgereiht sind, integrieren sich beeindruckend in den umgebenden Raum. Eine Bedingung der Möglichkeit einer konkreten Raumbezogenheit entsteht, obgleich die einzelnen Teile der Bildkomposition variabel eingesetzt werden können. Es braucht eine kleine Zeitspanne, bis ich anfange zu verstehen, was mit mir passiert, wenn ich mich dieser Malerei, die wie gezeichnet auf mich wirkt, aussetze.
Allesamt 200 cm hoch, schön im Raum und in der schmalen Breite gewachsen sehe ich die Alpenblumen vor mir und blicke auf die Mondraute in blaugrau und gelb; die Küchenschelle und Arnika; das Ferkelkraut und das schwarze Kohlröschen. Dazwischen Monochrome aus Graphit auf Leinwand, die die markante Wirkung der Bilder im hellen Raum der Kunsthalle verstärken.

Je länger ich die Küchenschelle als das Kunstwerk vor meinen Augen betrachte und mich gegenüber dem Bild öffne, umso intensiver entwickelt sich eine klare Illusion in mir, die ihren Ursprung in der Übertragung aus dem Wechselspiel zwischen dunklen Erdfarben und dämmrigen Mondlicht hat, das wir als Kinder so spielend ernst wahrnehmen und dem wir eine wichtige Bedeutung geben.

Das Licht, das die Küchenschelle von der Seite und von vorne anleuchtet, schafft einen Schnittpunkt und die runden hellen Formen aus dem Pinselstrich mit dunkler Tusche geschaffen, die wie Erscheinungen und wie eine gemalte Struktur einer inneren Landschaft wirken, öffnen einen vagen Raumweg in die Farbe hinein. Sind es die verschatteten Partien, wenn der Bildhintergrund in geschwungenen diagonalen Strichen in einen Dialog mit dem Licht tritt; oder ist es das Andächtige, das aus dem Bild in den Raum hervortritt und die Farbwirkung der grünen Tonigkeit anmutend erhöht?

Johanna Staniczek (Bild: Frank Sygusch)
Die in Giessen und Berlin lebende Künstlerin Johanna Staniczek ist seit 1992 in der Lehre tätig, anfangs als künstlerische Mitarbeiterin, dann als Gastdozentin an der Hochschule der Künste Berlin und seit 2001 als Professorin für Kunstpraxis am Institut für Kunstpädagogik der Justus-Liebig-Universität. Einige ihrer Arbeiten hängen bereits seit mehreren Jahren im Universitäts-Hauptgebäude in Giessen.
Die Ausstellung ist bis zum 11. März in der Kunsthalle am Berliner Platz zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis samstags von 10.00 bis 16.00 Uhr; mittwochs 10.00 bis 20.00 Uhr; sonntags von 10.00 bis 20.00 Uhr.
Giessen, 10. Februar 2007 / alle Bilder u. Ausstellungskommentar: Frank Sygusch (giessen-server.de)
Februar 2012
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