von Tanja Löchel
GIESSEN. In seinem neuen Tanzabend hat sich Tarek Assam mit dem Cassandra-Stoff auseinandergesetzt. Dabei betrieb der Ballettdirektor des Stadttheaters nicht nur archäologische Spurensuche in der griechischen Mythologie: Er beruft sich auch auf Christa Wolfs Erzählung „Cassandra“ von 1983 und kreierte ein sechsteiliges Tanzstück mit der Giessener Tanzcompagnie, welches aufgrund des Aufgreifens zeitloser Themen und Konflikte eine Aktualität für unsere Zeit birgt.
In den verschiedenen Teilen werden Krieg (in der Mythologie „Trojanischer Krieg“), Kriegs-Lügen (trojanisches Pferd, die schöne Helena nur ein Phantom; ein journalistischer Text im Programmheft lässt sogar aktuelle Kriegsbezüge, wie zum zweiten Golfkrieg 2003 zu) und Manipulation durch Medien, auf der Bühne durch zahlreiche Radios (Erinnerungen an „Volksempfänger“ aus der NS-Diktatur werden wach) ins Bild gefasst. Im Spannungsfeld von den wahren Voraussehungen und den manipulierenden Lügen, denen die Troer nur allzu gern Glauben schenken ereignen sich die schicksalhaften Vorgänge auf der Bühne.

Magdalena Stoyanova und Morgane de Toeuf in Cassandra
Tanzstück von Tarek Assam
(Foto: Rolf K. Wegst über die Presseabteilung des Stadttheaters Giessen)
In Szene I des Abends wird die Titelfigur – die Troerin, Priesterin und Seherin Cassandra (Magdalena Stoyanova) - eingeführt. Doch den Vorhersehungen und Warnungen Cassandras schenkt fatalerweise keiner Glauben. Als Videoprojektion sind durchgängig die Augen der Kassandra eingeblendet. Das Bühnenbild, graue Mauern der belagerten Stadt Troja, Gassen und Fenster, die Durchblicke erlauben (hier wurde auch wieder das Element des Sehens aufgegriffen), entwarf Lukas Noll. Die Kostüme, ebenfalls Noll, geben militärische Camouflage wieder, die heute wieder in der „Streetwear“ aufgegriffen wird. Die Haare sind antikisierend frisiert und irrwitziger weise erinnern diese Frisuren auch an neuere Mode (Punks und ähnliches).
In den Gassen Trojas vollziehen sich faszinierende Choreografien. Mal sind die Bewegungen weitgreifend, dann wieder skulptural. Assoziationen an griechische Vasenmalerei und Plastiken werden wach. Ebenso beinhalteten die Bewegungselemente expressiv Archaisches, aber in ästhetisch verfeinerter Manier. Vieles vom choreografischen Material ist parallel geführt, dann auch wieder kontrastierend gesetzt. Die angedeuteten Mauern werden von den Tänzern auch akrobatisch bespielt. Das Tanzensemble präsentiert sich auf tanztechnisch immens hohem Niveau.
Die einzig durchs Stück gehende Rolle ist die Cassandra. Magdalena Stoyanova gibt sie als von der Aura der Ernsthaftigkeit umgebene Person. Stark und zerbrechlich zugleich. Das Liebesduett zwischen Cassandra und Aeneas (Meindert Ewout Peters) ist sehr ausdrucksvoll. Die erzählenden Elemente sind ebenfalls ausdrucksstark herausgearbeitet worden: Zehn Jahre Krieg und Belagerung haben ihre Spuren hinterlassen.
Szene III „Die Lüge“ ist von kurzen, irritierenden, hektischen Bewegungen geprägt, sie drücken aus, irgendetwas stimmt nicht. Diese flirrende Irritation ist ebenso in der unterlegten Musik, dem unheilvoll jagendem „Allegro misterioso“ aus Alban Bergs „Lyrischer Suite“, vorhanden. Das besondere an diesem Tanzabend ist, dass das Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer live musiziert.

Magdalena Stoyanova und Meindert Ewout Peters in Cassandra
Tanzstück von Tarek Assam
(Foto: Rolf K. Wegst über die Presseabteilung des Stadttheaters Giessen)
Im Teil vor der Pause erklingen aus dem Graben in ausgezeichneter Interpretation Sätze aus Alban Bergs „Lyrische Suite“ (1925/26) und kontemplative, religiös inspirierte Stücke vom estnischen Komponisten Arvo Pärt (geboren 1935).
Szene IV „Krieg“ wird nach Pärts „Fratres“ getanzt. Die meditativ transzendentale Musik sowie Choreografie geben kein Kampfgemetzel wieder, sondern vielmehr Zustände nach Schlachten: Tod, Verlust, Resignation.
Im Teil nach der Pause führt die Szene nach Mykene, wo Cassandra von Agamemnon (Eoin Mac Donncha) als Kriegsbeute hin verschleppt wird. Getanzt wird auf hier zur spätromantischen, an der „Tristan“-Harmonik, welche zur freien Atonalität und dann zur Zwölftontechnik führt, orientierten „Verklärten Nacht“ (1899) von Arnold Schoenberg. Interessanterweise beinhaltet Bergs „Lyrische Suite“ auch „Tristan“-Zitate und damit werden Schicksal und Liebessehnsucht, die auch im Tanzabend eine Rolle spielen, in der Musik gespiegelt.
In Mykene wird Cassandra, nun versklavt, zur unfreiwilligen Geliebten Agamemnons, der Widerwillen der Titelfigur ist deutlich zu spüren, kein harmonisches Miteinander wie mit Aeneas. Die Klytämnestra, die erst ihren heimgekehrten Gatten erschlägt, dann Cassandra umbringt, dies aber nach langem Ringen mit sich selbst, wird machtvoll gegeben von Antonia Heß. Cassandra fügt sich in ihr Schicksal. Textabschnitte aus Christa Wolfs Erzählung, die in alle Szenen einführen und diese kommentieren, werden von Band eingespielt (gelesen hat sie die Schauspielerin Irina Ries). Die Einspielungen sind unterlegt von kratzigen Sendegeräuschen, die nicht nur an Massenmedien erinnern, sondern auch wie chiffrierte Nachrichten aus mythologischer Zeit wirken.
Weitere Tänzer sind Morgane de Toeuf, Ekaterine Giorgadze, Svende Obrocki, Keith Chin, Victor Villarreal Solis.
Die Premiere fand am Freitagabend im Stadttheater statt. Die Beteiligten ernteten reichlich Applaus und andere Jubelbekundungen, auch Bravos.
Giessen, 21. Februar 2010 / Fotos: Rolf K. Wegst über Presseabteilung des Stadttheaters
Februar 2012
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