GIESSEN (fsy.) Blickwinkel und Perspektivenvielfalt, die aus gestalteten Bildräumen entstehen und in allen Ebenen und um alle Achsen ins Unendliche, fast ins Surreale zu gleiten scheinen, werden dem Betrachter geboten, der sich den figurativen Bildkontrasten und den traumhaft-schwebenden Skulpturen einen Moment lang aussetzt. In der großräumigen Kunsthalle von Giessen sind die Arbeiten der beiden bekannten Künstler Tim Berresheim (* 1975) und Markus Oehlen (1956) wunderbar platziert und allein schon die Titel zu den Arbeiten sind das pure Vergnügen am Nachdenken und helfen abrupt auf das Äußerste beschleunigend zu verstehen, was passiert, wenn die Bilder und Objekte auf den Betrachter wirken.

Tim Berresheim und Markus Oehlen - Radieschen und Erdnuss (Eine gemeinsame Erklärung) in der Kunsthalle in Giessen
(Foto: Giessen-Server.de)
Liebe zum Detail, ohne auf semantische und syntaktische Elemente von Sehgewohnheiten zu achten; die Ausnutzung der Variabilität der Gestaltung mit Farben aus den Möglichkeiten des Algorithmus am Rechner in Verbindung mit meisterhaft ausgeführten Drucktechniken in Handarbeit durchdacht und vorbereitet; und die Art, die der Langsamkeit der Fotografie gerecht wird und etwas zum Bild werden lässt, dass nicht bloß aus dem entsteht, was bereits war sondern Objekte erschafft, die in der Betrachtung entstehen. In einem aufwendigen Verfahren arbeitet der Künstler Berresheim viele Elemente zu einem Bild zusammen, dessen Bildsprache offen- und mehrdeutbar bleibt. Und feines Pinselhaar im Bild scheint ein Beleg dafür zu sein, dass in der Kunst ein Pinselstrich allein nicht mehr zu überraschen vermag …

Tim Berresheim "Wishing Radish" - Serie aus 5 Drucken
(Fotos: Giessen-Server.de)

Rundbögen oder Linienformen - Bild oder Objekt?
Der üppige Körperbau der Skulpturen, eng umwickelt aus Kordel in zarten Farbtönen gehalten, mutet mit seiner spröden, starren und schweren Umhüllung schwer: Doch das Gegenteil wirkt in den Raum, weil weder Form noch Stofflichkeit ein Standbein zeigen. Leicht, fast millimeterhoch scheinen die großen Skulpturen über dem Boden der Schwerkraft zu trotzen und die Körpermitten verlieren sich im Raum, sucht man an Biegungen auf- und abwärts nach Halt.
Rundrückig, schlank nach oben gereckt das „Pferd“ von Markus Oehlen, steht es seitwärts etwas steif, teigig-tiefgefroren und unweit gegenüber von 2 Bildern Berresheims und zeigt sich bereit zum Start für den, der eine traumhafte Mondfahrt antreten will. Dahinter in der frontalen Ebene die 2x3 Meter großen Siebdrucke von Tim Berresheim gehängt, die Teil einer 5er-Serie und exklusiv für die Ausstellung in Giessen entstanden sind.
Schaut man durch die runde Öffnung der Skulptur „Ambientador“ von Markus Oehlen und fokkussiert auf den Siebdruck aus der Serie „Wishing Radish“ von Tim Berresheim, bündeln sich die kreisrunden farbigen Schnürungen und verstärken das Dreidimensionale des Blickes zu einem neuen Bild. Dann wuchern Linien empor und schlängeln sich in wilden Bewegungen hin und her. Geht man aber wieder direkt vor den 2 auf 3 Meter großen Siebdruck, dann scheint alles ganz ruhig zu sein - für einen Moment zumindest - und der Farbdruck offenbart, dass eine Schleife gar keine Schleife sein muss, wenn Flächenformen und Farbflächen sich kreuzweise treffen. Reine Formspiele sind es aber nicht, eher farbige und verdichtete Sprachstile, die zeigen, dass multimediale Arbeitsweisen die Wahrnehmung von verschiedenen Reizen erleichtern helfen.

Tim Berresheim und Markus Oehlen - Radieschen und Erdnuss (Eine gemeinsame Erklärung) in der Kunsthalle in Giessen
(Foto: Giessen-Server.de)
Morgen, am Sonntag um 11.30 Uhr ist die Eröffnung der Ausstellung und die Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz wird die Gäste und beiden Künstler in der Giessener Kunsthalle am Berliner Platz im Rathaus begrüßen. Die Kuratorin Dr. Ute Riese wird eine Einführung in die Werke der beiden Künstler geben.
Am Sonntag, dem 11. April wird das Katalogbuch in einer weiteren Veranstaltung in der Kunsthalle in Giessen präsentiert werden. Dann wird Tim Berresheim Musik auflegen: Beide Künstler sind fest in der Sprache der Musik beheimatet und haben dort bereits viele Abenteuer alleine und auch gemeinsam entbunden. Markus Oehlen, heute Professor an der Kunstakademie in München, war einst Mitglied der Punkband „Mittagspause“.
Das komplette Rahmenprogramm zur Ausstellung findet sich unter:
www.kunsthalle-giessen.de
Ausstellungsdauer: 07. März bis 16. Mai 2010
*
Öffnungszeiten der Kunsthalle Giessen:
Dienstag bis Sonntag: 10.30 bis 17.00 Uhr.
Montag geschlossen.
Giessen, 06. März 2010 / Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
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