WIESBADEN (mip/r). Das hessische Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Summe aller hier produzierten Waren und Dienstleistungen, schrumpfte 2009 preisbereinigt um 4,3 Prozent. Dies geht aus ersten, noch vorläufigen Berechnungen hervor, die der Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ heute vorlegte. Der Einbruch im Krisenjahr war zwar geringer als in Deutschland insgesamt (mi-nus 5,0 Prozent), dennoch war dies auch in Hessen die stärkste Rezession der Nachkriegszeit, so das Hessische Statistische Landesamt weiter. Nominal, d. h. ohne Preisbereinigung, ging das BIP um 2,2 Prozent auf knapp 217 Milliarden Euro zurück (2008: 221 Milliarden Euro). Der Anteil am BIP Deutschlands beträgt 9,0 Prozent.
Zu diesem Zeitpunkt liegen Zahlen zur Bruttowertschöpfung für sieben zusammengefasste Wirtschaftsbereiche vor. Unter diesen verbuchte das Produzierende Gewerbe ohne Baugewerbe gegenüber 2008 mit minus 14,4 Prozent das schlechteste Ergebnis. Das Bundesergebnis lag mit minus 17,2 Prozent allerdings noch deutlich darunter. Da dieser Bereich in Hessen ein geringeres Gewicht hat, schlägt dieser Wertschöpfungsverlust weniger auf das BIP durch. Dieser Struktureffekt hatte gemeinsam mit der geringeren Abnahmerate eine „günstigere“ Entwicklung des Gesamtergebnisses im Vergleich zum Bund zur Folge. Der starke Einbruch ist angesichts der Weltrezession wenig erstaunlich. Das besonders exportabhängige Verarbeitende Gewerbe dominiert diesen Sektor und verlor 14,2 Prozent seiner Bruttowertschöpfung gegenüber 2008 (Deutschland: minus 18,2 Prozent). Der weitgehende Ausfall des Energieträgers Kernkraft verstärkte das ungünstige Abschneiden des Produzierenden Gewerbes. Im Gegensatz dazu konnte die Wertschöpfung im Baugewerbe um 2,7 Prozent zulegen (Deutschland: minus 1,1 Prozent). Der im Vorjahresvergleich sehr niedrige Holzeinschlag brachte dem Bereich Land- und Forstwirtschaft, Fischerei ein Minus von 9,9 Prozent (Deutschland: plus 0,4 Prozent), das sich mangels Gewicht jedoch kaum auf das BIP auswirkte.
Mit minus 6,9 Prozent positionierten sich Handel, Gastgewerbe und Verkehr im Mittelfeld der hessischen Wirtschaftsbereiche (Deutschland: minus 5,0 Prozent). Schwächend wirkte hier das im Ländervergleich hohe Gewicht der Verkehrsbranche einschließlich Luftverkehr und Logistikdienstleistungen. Da der Konsum 2009 einen konjunkturell stabilisierenden Einfluss hatte, blieben die Verluste im Einzelhandel moderat. Insbesondere der Kraftfahrzeughandel kam dank der „Abwrackprämie“ gut durch die Krise.
Der in Hessen besonders gewichtige Bereich Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister entwickelte sich mit minus 2,4 Prozent deutlich besser als der Durchschnitt der Wirtschaftsbereiche, wenn auch schwächer als in Deutschland (minus 1,6 Prozent). Indikatoren wie die Beschäftigung im Versicherungsgewerbe und das Volumen der von den Banken verwalteten Einlagen und Kredite weisen auf diesen Rückstand hin.
Stabilisierend wirkten die Öffentlichen und privaten Dienstleister, die in Hessen und im Bund ihre Wertschöpfung um 1,0 Prozent steigern konnten. Dies lag vor allem an den Unterbereichen Verwal-tung, Verteidigung, Sozialversicherung sowie Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen, die zumindest kurzfristig relativ konjunkturunabhängig sind.
Das BIP wurde von 3,12 Millionen Erwerbstätigen erwirtschaftet, die in Hessen ihren Arbeitsort hatten. Dies waren 0,1 Prozent mehr als im Vorjahr (Deutschland: 0,0 Prozent). Dieses im Vergleich zum BIP ausgesprochen positive Ergebnis ist mit beschäftigungsstabilisierenden Maßnahmen wie Kurzarbeit, Abbau von Arbeitszeitkonten sowie einer Erhöhung der Teilzeitquote zu erklären. Es wurde also bei fast konstanter Erwerbstätigkeit die Arbeitszeit reduziert, um den Nachfrageeinbruch aufzufangen. Die Verringerung der geleisteten Arbeitsstunden um 2,5 Prozent auf knapp 4,4 Milliarden unterstreicht dies (Deutschland: minus 2,8 Prozent). Entsprechend deutlich ging mit minus 4,4 Prozent (Deutschland: minus 4,9 Prozent) die Arbeitsproduktivität, das preisbereinigte BIP je Erwerbstätigen, zurück. Bezogen auf die Arbeitsstunde war die Entwicklung moderater: minus 1,9 Prozent (Deutschland: mi-nus 2,2 Prozent).
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei den Lohnkosten, die neben den Bruttolöhnen und -gehältern (einschließlich Sonderzahlungen und Sachleistungen) die Sozialbeiträge der Arbeitgeber umfassen. Je Arbeitnehmer war ein leichtes Plus von 0,5 Prozent zu verzeichnen (Deutschland: 0,0 Prozent), je Arbeitsstunde der Arbeitnehmer waren es plus 3,6 Prozent (Deutschland: plus 3,3 Prozent).
Der Bezug der Lohnkosten auf Arbeitsproduktivität liefert die Lohnstückkosten, die um erhebliche 5,1 Prozent (Kopf- und Stundenkonzept) anstiegen (Deutschland: 5,2 bzw. 5,6 Prozent). Diese Zunahme stellt gewissermaßen den Preis für Beschäftigungsstabilität in dieser Rezession dar.
Jeder Erwerbstätige erwirtschaftete 2009 einen Anteil von knapp 69 500 Euro am hessischen BIP. Das waren 16 Prozent mehr als im Bundesmittel (59 800 Euro) – der Spitzenwert unter den Flächenländern. Ebenfalls den Spitzenplatz belegte Hessen beim BIP je Erwerbstätigenstunde mit 49 Euro und 15 Prozent über dem Deutschlandwert von 43 Euro. Diese hohen Werte sind wesentlich in der produktiven Wirtschaftsstruktur Hessens begründet. Auch von einem hohen Einpendlerüberschuss profitierte das Land beim BIP je Einwohner, das mit 35 700 Euro um 22 Prozent über dem Ländermittel lag (29 400 Euro).
Die Berechnungen beruhen zu diesem Zeitpunkt auf einer noch unvollständigen Datenbasis. Bei den turnusmäßigen Überarbeitungen der Ergebnisse wird diese Datenbasis sukzessive ausgeweitet. In-sbesondere vor dem Hintergrund der aktuell unsicheren wirtschaftlichen Situation können neue Informationen Änderungen nötig machen. Aktualisierte Daten werden gemeinsam mit den ersten Ergebnissen für 2010 Ende März 2011 veröffentlicht. Ergebnisse zum ersten Halbjahr 2010 werden Ende September 2010 veröffentlicht.
Weitere Informationen zu Terminen und Hintergründen: www.vgrdl.de
Giessen, 31. März 2010
Mai 2012
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