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Stadt und Gymnasium in Giessen



GIESSEN (fsy).     Auf Einladung des Fördervereins des Landgraf  Ludwigs Gymnasium Giessen berichtete Dr. Ludwig Brake, Historiker und seit 1991 Stadtarchivar der Universitätsstadt Giessen, zum Thema „Stadt und Gymnasium“.

Die Veranstaltung fand am 30. März 2006 im Mathematikum statt.



Dr. Ludwig Brake, Stadtarchivar


Die Geschichte des Gymnasiums, das heute seinen Standort in der Reichenbergerstrasse 3 hat, war immer verbunden mit der Geschichte der Universität und beide teilten sich den Namen des Gebers: Landgraf Ludwig. Zeitweilig und vorübergehend sollte das eigenständige Gymnasium auch seinen ursprünglichen Namen verlieren und den geographischen Stadtteilnamen Nord erhalten.



Eng verbunden mit der Entwicklung einer eigenen sozialen Identität für eine Stadtregion  kommt beiden Institutionen ebenfalls eine besondere Bedeutung zu. Auch das Wechselverhältnis und die Abhängigkeit zwischen der Landespolitik und den regionalen staatlichen Selbstverwaltungsorganen war für beide Einrichtungen ein fester Bestandteil der eigenen historischen und gemeinsamen Entwicklung.

Beide Institutionen haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die im kommenden Jahr 2007 für die Universität das 400 jährige Jubiläum anzeigen wird. Diese Jahreszahl ist für das Gymnasium bereits Vergangenheit.


„Gemeinsam“, so berichtete Dr. Brake vor interessierten Zuhörern; Eltern und auch ehemaligen Schüler und Lehrern, ist beiden Institutionen, dass sie immer in enger Beziehung zur Gesellschaft standen und nicht unabhängig und abgelöst davon betrachtet und verstanden werden können.

Das Gymnasium zog im Verlauf der Jahre mehrmals um.
Chronologisch listete Dr. Brake die zahlreichen Ortsnamen auf und zeigte Ablichtungen oder Bilder der jeweiligen Häuser und Bauwerke, die für so viele Schüler- und Lehrergenerationen die unmittelbaren Orte und Räume für den Fächerkanon von Sexta bis Oberprima, die Erziehung, für humanistische Bildung und Strafen; für Heimat und Abenteuer, und manche Erfolgs- und Leidensgeschichte gewesen waren.



Anhand von kurzen Anekdoten, Erinnerungsgeschichten und Erlebnisschilderungen mit Zitaten von im Karzer eingesperrten Schülern, die aus der Fensterluke heraus auf das Dach des Hauses kletterten, um das Musikschauspiel auf der Strasse mitzuerleben; oder vom offiziellen Schreiben der Schulverwaltung aus Darmstadt per Telegraphie, die einen „sofortigen Bericht über die Schülerverbindung „ erwartete, zeichnete Dr. Brake exemplarisch nach, was im Schulalltag oftmals die Tagesordnung oder die Ausnahme war.



So dürfte die Entdeckung der Verbindung einer Schülergruppe den Anlass geboten haben, um die anstehenden Jubiläumsfeierlichkeiten abzusagen. Die Lehrer hatten von der Entstehung der Verbindung gewusst. Das hatte sich die vorgesetzte Ordnungs- und Kontrollbehörde als staatliche Schulinstanz natürlich nicht bieten lassen und vermutlich eine Selbstbestrafung als Lösung verordnet: Der so von oben durch die Schulabteilung aus Darmstadt angeordnete Verlust der anstehenden Präsentationsform zu den Feierlichkeiten und der eigenen zukünftigen Darstellung in der Schulgeschichte beraubt, veranlasste den Stadtarchivar Dr. Brake viele Jahre später lange in den Quellen und Belegen zu suchen, bis er eine mögliche Lösung für die Fragestellung fand. Eine vermutete Lösung geht in die Richtung, dass das damalige Kollegium aus lauter Scham um den Verlust der Feierlichkeiten und dem eigenen Teil in der Schulgeschichte beraubt, einfach den zukünftigen Generationen die Erinnerung daran ersparen wollte und sich aus diesem Grund bis heute nur wenig Quellen in der Sache auftun.



Dr. Brake berichtete mit viel Sach- und Detailkenntnis über die angstvollen und authentischen Selbstzeugnisse von Lehrern und den Erlebnissen aus der Perspektive von Schülern über die Emotionen im Zusammenhang der Ereignisse und Straftaten im Jahr 1938 beim Brand der beiden Synagogen in Giessen. Er berührte damit die Momente der wechselvollen Stadtgeschichte, die für eine Entwicklung von Menschen in Institutionen und für eine Gesellschaft entscheidend und prägend sind.


Selbst der teilweise lange Schulweg für einzelne Schüler, die zu Fuß durch die halbe Stadt in Richtung Westen über die Lahnbrücke weiter in ihre Heimatorte liefen, war beschwerlich und gar manchmal gefährlich: Denn auf dem Weg lauerten den Gymnasiasten die „bösen Buben“ der Stadtjugend auf und für manch einen, der in die Hände derer fiel, die hinter den Mauern mit Stöcken bewaffnet warteten, „ging es übel aus“.

Dr. Manuel Lösel, Schulleiter am heutigen Landgraf Ludwigs Gymnasium, bedankte sich im Anschluss beim Stadtarchivar und konnte zumindest eine im Vortrag aufgeworfene Frage definitiv beantworten: Auch in dem im Jahr 1961 bezogenen Schulgebäude in der Reichenbergerstrasse 3 gibt es einen Karzer. Dort wird aber kein Schüler unter Bestrafung eingesperrt, sondern der Karzer ist heute der Aufbewahrungsort des Schulweins. Und eine Kiste mit Weinflaschen überreichte er unter Applaus an Dr. Ludwig Brake.


Giessen, 31. März 2006


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