GIESSEN (fsy). Über 150 – später im Verlauf der Rundfahrt in der Innenstadt zeitweise sogar 200 Personen, weil sich spontan immer wieder Radfahrerinnen und Radfahrer der Protestfahrt anschlossen – demonstrierten gestern Mittag für eine Verbesserung der Fahrrad-Situation in Giessen.

Fahr Rad!
(Foto: priv.)
Aufgerufen und die Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme eingeladen hatte der BUNDJugend Giessen. Treffpunkt war mitten in der Innenstadt am Berliner Platz. Von dort aus startete der Protest Richtung Südanlage, unterm E-Klo durch und zum Bahnhof. Dort gab es einen kurzen "Stop", um die Forderungen vorzustellen; dann zurück durch die Innenstadt in Richtung Kirchenplatz.

Große Fahrrad-Demonstration in Giessen
(Fotos: priv.)

„Mehr und besser ausgebaute Radwege, mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder in der Innenstadt und Winterdienst auf Radrouten“, sind einige der Hauptforderungen an den zuständigen Dezernenten Thomas Rausch und den Radbeauftragten der Stadt Giessen Alexander Koch. Der war zur Teilnahme vom Veranstalter extra eingeladen worden, aber nicht erschienen.

Fahrrad-Demo in Giessen
(Foto: priv.)
Die Fahrrad-Demonstration ist die erste große Aktion der Giessener Gruppe der BUNDJugend, die sich erst vor kurzem gegründet hat, aber die Reaktionen darauf sind bisher durchweg positiv: „Wir hätten nie damit gerechnet, dass unsere Idee so großen Anklang findet.“, erklärt die 18-jährige Lisa Rein, Gründungsmitglied der Gruppe. „Anscheinend sind wir nicht die einzigen, die die Fahrradsituation in Giessen unzumutbar finden.“
Emil Almenröder, Mitorganisator der Demonstration (17) ergänzt dazu „In Giessen ist Radfahren im Moment wirklich eine Zumutung. Das muss sich ändern. Es darf nicht sein, dass im Winter der Schnee von der Straße einfach auf die Radwege am Rand geschoben wird und die Radfahrer das Nachsehen haben.“
Ein Forderungskatalog (siehe unten), der im Verlauf der Demonstration vorgestellt wurde beinhaltet u.a. die Idee eines „autofreien Sonntags im Monat“. Der Katalog geht an Stadtrat Rausch und den Radbeauftragten mit der Bitte um Bearbeitung.
Forderungskatalog der BUNDjugend Giessen
Die BUNDjugend Gießen ruft nach viel zu langem Schweigen über die Verkehrssituation in Giessen zu einer Fahrrad-Demonstration am 8. Mai 2010 in der Giessener Innenstadt auf. Mit der Demonstration bekräftigen wir die folgenden Forderungen, die wir an den Radwegebeauftragten der Stadt Giessen Alexander Koch sowie den Verkehrsdezernenten der Stadt Giessen Thomas Rausch richten.
Wir fordern
1. eine Verbesserung der Fahrrad-Situation in Giessen:
1.1. eine bessere Radverkehrsinfrastruktur (mehr und besser ausgebaute Radwege und mehr Fahrradschutzstreifen)
Die Giessener Radverkehrsinfrastruktur ist in den Augen vieler Radfahrer katastrophal. Selbst der Anlagenring als zentrale Verkehrsstrecke verläuft zu einem beträchtlichen Teil (Süd- und Westanlage) ohne jegliche Radwege oder Fahrradschutzstreifen, so dass Radfahrer sich dort dem massiven Autoverkehr und damit einer Gefahr aussetzen müssen. Ein besonders großes Problem stellt der Übergang von der Südanlage zur Frankfurter Straße dar, bei dem ein zum Linksabbiegen notwendiger Spurwechsel kaum möglich ist. Weitere Straßen, in denen Fahrradschutzstreifen dringend erforderlich wären, sind Ludwigstraße, Grünberger Straße, Neue Bäue, Bahnhofstraße in Richtung Marktplatz und Lahnstraße.
1.2. Winterdienst auf Fahrradrouten
Im Winter sind Fahrradschutzstreifen an zentralen Stellen der Stadt oftmals nicht benutzbar, weil der Winterdienst nur die (Auto-)Straßen räumt und dabei oft sogar noch Eis und Schnee auf die Fahrradschutzstreifen an der Seite abschiebt. Auch baulich getrennte Radwege sind kaum in den Winterdienst integriert, wodurch sie im Winter zeitweise unbenutzbar werden.
Stattdessen sollte der Winterdienst auf Radrouten Priorität haben, weil Fahrradfahrer am Dringendsten auf ihn angewiesen sind.
1.3. mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder in der Stadt
An vielen Stellen in der Innenstadt ist die Abstellsituation für Fahrräder verbesserungswürdig. So reicht beispielsweise die - angesichts der beträchtlichen Zahl abgestellter Fahrräder geradezu lächerliche – Anzahl von Fahrradständern am Bahnhof keineswegs aus, ebenso am Neustädter Tor und am Rathaus. Obwohl Fahrradständer weit weniger Platz benötigen als ein einzelner Auto-Parkplatz, wird in Giessen viel zu oft Auto-Parkplätzen Priorität vor Fahrradabstellplätzen eingeräumt. Eine verstärkte Ausweisung von sicheren, überdachten Abstellplätzen mit Fahrradständern ist auch vor Behörden, Geschäften und in Wohngebieten notwendig.
1.4. ein rücksichtsvolleres Verhalten von Autofahrern gegenüber Radfahrern im Straßenverkehr
Als Verkehrsteilnehmer, die Autos bei Zusammenstößen klar unterlegen sind, sind Radfahrer im Straßenverkehr auf einen rücksichtsvollen Umgang von Autofahrern ihnen gegenüber angewiesen. Leider bewirkt aber das Wissen so mancher Autofahrer über ihre physische Überlegenheit oft genau das Gegenteil, so dass im Zweifelsfall immer Radfahrer diejenigen sind, die ausweichen müssen. Auch das ständige (von der Polizei viel zu oft tolerierte) Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in der Stadt stellt für Radfahrer nicht nur eine dauerhafte Belastung, sondern auch eine Gefahr, und somit eine Abschreckung vom Radfahren, dar. Ein generell rücksichtsvollerer Umgang mit Radfahrern ist daher wünschenswert und notwendig.
1.5. die Einführung von kostenlos nutzbaren Leih-Fahrrädern in der Innenstadt
Viele Menschen haben nicht genug Geld, um sich ein eigenes Fahrrad zu kaufen und ihnen bleibt damit von vornherein die Möglichkeit, Fahrrad zu fahren, verwehrt. Dem könnte die flächendeckende Einführung eines Systems von kostenlos innerhalb der Innenstadt nutzbaren Leihfahrrädern (z.B. mit Hilfe eines vor dem Benutzen zu entrichtenden Pfands) entgegenwirken.
Ein solches System trägt außerdem dazu bei, den Autoverkehr zu entlasten und damit auch die Lärmbelästigung in der Innenstadt zu reduzieren.
2. die Reduzierung des Autoverkehrs in der Innenstadt und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs als langfristiges Ziel von Gießener Verkehrspolitik
Die Verkehrssituation in der Gießener Innenstadt ist in vielerlei Hinsicht verbesserungswürdig. Der Autoverkehr ist zu den Hauptverkehrszeiten stockend und die Straßen sind überlastet - eine Belastung für Anwohner und alle Verkehrsteilnehmer.
Darüber hinaus werden durch den stockenden Verkehr auch die Schadstoff- Emissionen erhöht und die Lebensqualität in der Stadt sinkt. Daher ist es im Interesse aller, wenn Giessener Politik es sich zum langfristigen Ziel macht, den Autoverkehr in der Stadt zu reduzieren.
Dieses Ziel kann aber nur erreicht werden, wenn den Bürgern andere Möglichkeiten der schnellen und sicheren Fortbewegung geboten werden: eine Verbesserung der Verkehrssituation für Radfahrer (siehe Punkt 1) und eine für alle bezahlbare Nutzung eines gut ausgebautes Bus-Netzes.
3. einen „autofreien“ Sonntag im Monat in der Stadt Giessen
Eine hervorragende Möglichkeit um den Bürgern Gelegenheit zu geben, alternative Verkehrsmittel wie Inline Skates oder Fahrräder gefahrlos zu erproben und zu erleben und gleichzeitig zu erfahren, dass es auch ohne das Auto geht, ist die Einführung eines „autofreien“ Sonntags pro Monat. Da der sonntägliche Verkehr sich in der Innenstadt ohnehin eher in Grenzen hält, wäre die dadurch entstehende Einschränkung gering, doch die Bereicherung wäre vergleichsweise groß. Die Lärmbelästigung ginge gegen Null und die Regelung würde nicht nur das gefahrlose Spielen auf der Straße ermöglichen, sondern auch Familien die Möglichkeit geben, sicher zu Fuß oder mit dem Rad zu Naherholungsgebieten in der Stadt wie dem Schwanenteich zu gelangen. Ein „autofreier“ Sonntag würde außerdem die Chance bieten, Menschen zum Radfahren zu animieren und sie dazu zu motivieren, es auch an anderen Tagen mal ohne das Auto zu versuchen. Selbstverständlich wären Busse und Krankenwagen etc. von der Regelung ausgenommen
BUNDjugend Giessen im Mai 2010
Giessen, 09. Mai 2010 / Fotos: priv.
Februar 2012
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