von
Tanja Löchel
GIESSEN. Afrika als doch noch unbekannter Kontinent für uns Europäer setzten Tarek Assam und Mirko Hecktor (Choreografie) sowie Ausstatterin Birgit Kellner im neuen Tanzstück „Gustav Nachtigal“ in fantasievolle, teilweise auch beklemmende oder sogar ironische Bewegungen um. Die Premiere im Rahmen der „Tanzart ostwest“ fand gestern in der TiL-Studiobühne in Giessen statt. Die Zuschauer sehen als erstes, wie in einem Museum drapiert, afrikanische Köpfe, Antilopengeweihe und Tropenhelme.

Gustav Nachtigal - Tanzstück von Tarek Assam und Mirko Hector als Eröffnungspremiere der TanzArt ostwest 2010 in Giessen
(Foto: Frank Sygusch)
Auf dem Boden eine Karte, die den Weg des Afrikaforschers Heinrich Barth (1821 bis 1865) nachzeichnet. Auch der Militärarzt Gustav Nachtigal (1834 bis 1885) gehörte neben Barth und Gerhard Rohlfs (1831 bis 1896) zu den Afrikareisenden im 19. Jahrhundert. Nachtigal schrieb Berichte, die das Afrika-Bild der Deutschen damals prägten und ein Auslöser dafür waren, dass man endlich in das europäische Spiel der Kolonien eingestiegen ist.

Gustav Nachtigal - Tanzstück von Tarek Assam und Mirko Hector als Eröffnungspremiere der TanzArt ostwest 2010 in Giessen
(Fotos: Frank Sygusch)

Zu geheimnisvollen Geräuschen bewegen sich das Tanzensemble (Morgane de Toeuf, Magdalena Stoyanova, Ekaterine Giorgadze, Antonia Heß, Hua-Bao Chien, Keith Chin) wie afrikanische Tiere.
Die Szenen sind durchgängig im halbdunklen Licht, ein Hinweis auf die „terra incognita“. Dann werden die Köpfe aus den Vitrinen genommen, die Tänzer tanzen damit: Es entstehen Gebilde wie eine Mischung aus Mensch und afrikanischen Skulpturen. Antonia Heß setzt sich öfter einen Tropenhelm auf: Die Europäer sind im Land. Sie zwingt einzelne Tänzer nun in die transparenten Museumskästchen: Sklaverei? Auch kulturelle Missverständnisse gibt es auf der Bühne, wenn ein Europäer und ein Afrikaner zusammentreffen. Auch Wiener Walzer erklingt in diesem Bühnen-Afrika, wie vielleicht in der Kolonialzeit.

Gustav Nachtigal - Tanzstück von Tarek Assam und Mirko Hector als Eröffnungspremiere der TanzArt ostwest 2010 in Giessen
(Foto: Frank Sygusch)
Die weitere Musik, ansonsten vielfältig afrikanisch beeinflusst, stammt von K’naan, in Kanada lebender somalischer Musiker, von Magic Malik, geboren an der Elfenbeinküste, und dem libanesischen Oud-Spieler Rabih Abou-Khalil, der die nordafrikanisch-arabische Note beisteuert. Dazu bewegt sich das Ensemble, jenseits von authentischer Folklore, aber dennoch in eher einfachen, uns fremden – Kunstfolklore! - Bewegungsfolgen. Auch „Uganda“ von DJ Wady (Collage von Mirko Hecktor) ist zwar auch afrikanisch beeinflusst, aber dennoch ein Klischee: Wir kennen die Musiken, die aus aller Welt die Rhythmen und Tonfolgen aufgreifen und dann doch nur den Techno um eine exotische Note bereichern. Zu einigen Beats legt dann die „Tanzcompagnie“ rasant modernen Tanz hin, Videoclipproduzenten hätten ihre Freude daran.

Gustav Nachtigal - Tanzstück von Tarek Assam und Mirko Hector als Eröffnungspremiere der TanzArt ostwest 2010 in Giessen
(Foto: Frank Sygusch)
Texte vom Band (Schauspieler Roman Kurtz hat sie eingelesen) kommen zu Musik und Geräusch noch hinzu. Unter den Autoren sind Gustav Nachtigal, Nelson Mandela sowie Zitate zu „Empire oder Imperialismus“ und „Das koloniale Afrika“. Am Ende gibt es auch Gewehre: Safari oder Aufstände. An dem „richtigen“ Afrika-Bild hat das Stück bei den Zuschauern nichts ausgerichtet, allerdings konfrontierte es uns mit vielerlei Bildern, die wir streckenweise über diesen Kontinent haben.
Der Schlussapplaus für Ensemble und Leitungsteam war sehr heftig. Weitere Vorstellungen am 30. Mai, 06., 18. und 25. Juni finden jeweils ab 20.00 Uhr in der TiL-Studiobühne (Löbershof 8) statt.
Zur Eröffnungspremiere tanzten:
Morgane de Toeuf
Magdalena Stoyanova
Ekaterine Giorgadze
Antonia Heß
Hua-Bao Chien
Keith Chin
Giessen, 21. Mai 2010 / Probenfotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Februar 2012
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