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An den Grenzen der Sichtbarkeit – Trevor Paglen in Giessen

Abstrakte Wanderwege und enthüllte Kommunikation - Politische Ikonographie im Medienzeitalter - Geheimnisvolle und bizarre Unmittelbarkeit von gestischer Symbolik - Kunstvoll-akademische Annäherung als politische Utopie






von Frank Sygusch











GIESSEN.                                 Wie szenische Beschreibungen als intermedialer Transfer gestaltet und wie akademisch geordnete Wahrnehmungsraster aus einer fremden und wunderbar-geheimnisvollen Welt wirken die zusammengestellten Objekte und Arbeiten mit ihren Zeichen und Botschaften, die der amerikanische Medienkünstler Trevor Paglen in der Kunsthalle von Giessen unter dem Titel „A Compendium of Secrets“ als eigenständige Kunstwerke ausstellt.























Trevor Paglen in Giessen - A Compendium of Secrets

(Fotos: Frank Sygusch)



















Es sind großformatige Fotographien von märchenhaft schön wirkenden Sternenhimmeln, die in ihren Farben eine besondere Leuchtkraft und Erhabenheit ausdrucksstark strukturieren. Die Himmelskörper und Lichtbahnen , die auf den Fotografien zu sehen sind, erscheinen in einer klaren Farbsprache und wirken wie zeitlos festgehalten am Rande der Wahrnehmung. Andere Fotografien zeigen verschwommene Linien mit unklaren und flimmernden Abbildungen von Gebäuden, die aufgrund der über dem Boden schwebenden Hitze zu vibrieren scheinen. Eine Videoinstallation zeigt vertikal und alphabetisch geordnet durchlaufende Wörter, die in strenger und systematischer Reihung gehalten sind und an Namen von boygroups erinnern. Doch die Wörter sind Code- und Decknamen von militärischen Einheiten der US-Streitkräfte. Fotokopien als Unterschriftproben und Pass-Dokumente in Xeroxkopie werden ausgestellt und benennen die Namen von Personen aus dem Umfeld des CIA. Doch diese Menschen sind spurlos verschwunden. Aber woher kommen die Dokumente? Eine Zusammenstellung von Stoffaufnähern, die jeweils als abgeschlossene Serien mit fünf Exemplaren vorgestellt werden, wirken aus einem wunderbar schwarzblauen Hintergrund abgesetzt in ihrer Dreidimensionalität wie phantastische Stempelabdrücke in den unendlichen Raum hineingepresst.










Trevor Paglen in Giessen - A Compendium of Secrets

(Foto: Frank Sygusch)







Der promovierte Geograph Paglen, der an der University of Berkeley im Westen der USA forscht, experimentiert im Blickwinkel und entlang an den Grenzen der Sichtbarkeit des öffentlichen und politischen Raums. Vor Jahren entdeckte er zufällig „weiße Flecken“ beim Studium von Landkarten und so entwickelte sich eine intensive Suche nach dem, was verborgen schien: militärische Sphären, deren Klänge als Missionen lautlos ausgelegt sind und nur Sender, Empfänger und Botschaften erkennen sich wechselseitig. Einen Teil seiner Arbeitsergebnisse bietet Paglen seitdem als öffentlich ausgestellte Kunstwerke für Galerie- und Museumsbesucher an.









Trevor Paglen in Giessen - A Compendium of Secrets

(Foto: Frank Sygusch)






Im Ausstellungsraum und im Katalogbuch, das zur Giessener Ausstellung zweisprachig (deutsch/englisch) erscheinen wird, werden den einzelnen Kunstwerken im Detail exakte Informationen und genaue Beschreibungen zugeordnet. Allein der angewandte Charakter des Dokumentarischen als methodische Ergänzung zu dem, was der Betrachter sieht, macht neugierig und birgt subversive Kraft in sich. Die Ambivalenz zwischen den wunderbar schönen Farben und Oberflächen der Werke und den scheinbaren Informationen, die sie enthalten ist spannend und fordert den Betrachter zur Auseinandersetzung heraus. Die konzeptionelle Position des Künstlers hat etwas Kritisches und ein aufklärerisches Potential steckt in den klaren Präsentationsformen. Zudem publiziert Paglen – wie es Wissenschaftler zu tun pflegen - in Aufsatz- und in Buchformaten; hält Vorträge und besucht Talkshows.









Trevor Paglen in Giessen - A Compendium of Secrets

(Foto: Frank Sygusch)








Die in der Giessener Kunsthalle gezeigten Werke (am Sonntag ist Ausstellungseröffnung) bieten Ausschnitte und Einblicke in ganz bestimmte Sektionen gesellschaftlicher Wirklichkeit, die vor allem auch eine politische Dimension widerspiegeln und als Selbstverständlichkeit zur geschichtlichen Tradition einer militärischen Nation gehören. Auf der Suche nach einer Wahrheit zwischen Evidenz und Abstraktheit fokussiert Paglen mit dem Werkzeug der Kamera nach den Bedingungen der Möglichkeit und als Sammler von Objekten entstehen daraus farbige Oberflächen und Dokumente, die einfach schön anzuschauen sind. Gleichzeitig bergen die Kunstwerke und Quellen eine bare Ernüchterung in sich und geben Einblicke auf unbekanntes, das aus der Beobachtung an nicht sichtbarem Gesellschaftsterrain entstanden ist.







Präsentiert werden Botschaften und codierte Mitteilungen aus der Welt des Militärs; der Satelittenphysik mit ihren Flugbahnen und Spionageprogrammen, die am Nachthimmel erscheinen und astrophysikalische Orbitsysteme mit ihren geheimen Orten, die als Basen, Stützpunkte und No-go-areas gelten. Dazu gehören auch die Hinweise auf Programme und die merkwürdigen Umstände, dass weltweite Verbindungen und Verbünde über nationale Grenzen hinaus bestehen, um unliebsame Personen jenseits von Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtsfähigkeit in „tortured taxis“ weg zu transportieren. Aber wohin?






Der Betrachter in der Ausstellung kann sich auf eine scheinbar experimentelle Reise begeben, um nach symbolhaften und mythologischen Erklärungen zu suchen für das, was er anschaut. Oder er kann den Versuch starten, dem ganzen eine Theorie des Sozialen gegenüber zu stellen, um verstehen zu können, welche „schwarze unbekannte Welten“ sich dahinter verbergen, die sich der unmittelbaren Anschauung als Nicht-Erkennbares entziehen. Die Frage nach dem „How do we know, that we know“ - erklärt Paglen im Pressegespräch, bleibt spannend und war eine seiner Hauptmotive als Schüler, um nachzuforschen, wenn er etwas gesehen hatte und nichts darüber wusste. „Er arbeite sehr langsam“, verrät er im Gespräch. Das passt vorzüglich zu seiner Arbeitsweise als Künstler, der die Fotografie intuitiv als eine Art der Wahrheitssuche einsetzt.
















Trevor Paglen in Giessen - A Compendium of Secrets

(Fotos: Frank Sygusch)



















Trevor Paglen zeigt in der Ausstellung interessante Beispiele aus einer besonderen Weltordnung. Es sind Zeichen und insignien, bunte Stoffaufnäher (patches) auf schwarz-blauem Hintergrund besonders gut abgesetzt und als Serie eingerahmt. Aus der Ferne betrachtet wirken die Exponate, wie kleine bunte Farbkleckse; oder leuchten wie eine wissenschaftliche Ansammlung von seltenen Exemplaren verschiedener Schmetterlingsarten hervor, die eine Feldbiologe zusammengestellt hat.










Trevor Paglen in Giessen - A Compendium of Secrets

(Foto: Frank Sygusch)







Tritt der Betrachter aber vor die Objekte wird deutlich, dass es sich um Abzeichen aus Stoff mit klaren Botschaften handelt, die bedeutungsvolle Informationen von Projekten, Vorhaben und Einheiten benennen, ohne aber den wirklichen Namen exakt zu beschreiben. Wie die „patches“ welche Kommunikation filtern, gilt es zu entschlüsseln, wenn man die Sache als Wissenschaftler angehen will. Sicher ist nur: Geheime Botschaften müssen immer verborgen transportiert werden und nur die Eingeweihten im Verbund erkennen die wahre Bedeutung als evident. Das erinnert an Geheimbünde, Rituale und archaische Traditionen, deren Syntax und Semantik sich in lithurgischen Formeln verkleidet, um allgegenwärtig und zeitlos bleiben zu können. Übertragen in genähte Stoffembleme werden semiotische Codes mit bildhafter Inszenierung versehen und eine Textdramaturgie wird offenbart. Aber welche? Sind die Dokumente autonome Bedeutungsträger mit eindeutiger Szenografie? Bizarr wirken die Abzeichen als eindeutiges Erkennungsmerkmal neben den großformatigen Fotos über den "anderen Sternenhimmel".















Trevor Paglen in Giessen - A Compendium of Secrets

(Fotos: Frank Sygusch)














Mehr davon ab Sonntag in der Ausstellung und dazu ein Vortrag vom Künstler Dr. Trevor Paglen ab 10.30 Uhr in der Kunsthalle in Giessen am Berliner Platz. Dann findet die Eröffnung der Ausstellung gemeinsam mit dem Künstler statt, der nach der Begrüßung durch die Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und einer Einführung der Kuratorin Dr. Ute Riese über seine Arbeiten reden – und sicher auch Fragen zu den geheimen Botschaften zulassen - wird.








Trevor Paglen wurde 1974 in Maryland geboren. Er lebt und arbeitet heute in Berkeley in Kalifornien an der Westküste der USA. Nach dem Studium der Religionswissenschaft und musikalischer Komposition an der University of California in Berkeley sowie dem Studium in Kunst und Technologie an der School of Art Institute of Chicago, IL, promovierte Paglen 2008 in Geografie mit dem Schwerpunkt Neue Medien. Er forscht an der University of California in Berkeley und hat als Dozent Kurse in Kunst und Geographie gehalten.








Kunsthalle Giessen // Berliner Platz 1// 35390 Giessen




Kuratorin Dr. Ute Riese




Ausstellungseröffnung am kommenden Sonntag um 10.30 Uhr





Öffnungszeiten: Di. bis So 10.30 bis 17.00 Uhr




Mo. geschlossen




03. Juni (Fronleichnam) geschlossen




Der Eintritt ist frei







Giessen, 27. Mai 2010 / alle Fotos von der Vorbesichtigung der Ausstellung: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)





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