GIESSEN. An die hundert Besucher wollten am Sonntag doch genau wissen, was es mit Trevor Paglens Ausstellung „A Compendium of Secrets“ auf sich hatte und kamen zur Eröffnung in die Kunsthalle. Zunächst freute sich Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz über die verschiedenen Aspekte dieser bundesweit beachteten Schau und über den militärischen Bezug. Dann gab der Künstler in einem Vortrag konkret Auskunft über das Aufklären von Geheimnissen.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz begrüßt die Gäste zur Ausstellungseröffnung in der Kunsthalle in Giessen
(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)
„In gewisser Weise unheimlich“, fand die OB die Thematik der Ausstellung und lobte zugleich die „wieder beeindruckende Szenerie.“ Gießen war bis 2007 durch das US Depot der größte amerikanische Standort Europas. Was seine Schattenseiten hatte: „Es gab auch große Konflikte mit der Präsenz der US-Army“, sagte sie und nannte die Ausstellung „eine kulturelle Bereicherung für unsere Stadt.“
Kurz, knapp und konzentriert klassifizierte Kuratorin Dr. Ute Riese Paglens Arbeit als „subversiv und geheimnisvoll“ und erinnerte darüber hinaus an die Aspekte der „Erhabenheit und Amibivalenz“, die sein Werk auszeichnen.

„A Compendium of Secrets“ - Trevor Paglen stellt in Giessen in der Kunsthalle aus. Zur Eröffnung hielt er einen Vortrag
(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)
Dann aber kam der Hauptteil, in dem der Geograf Dr. Paglen vom Aufklären der Geheimnisse berichtete. Zunächst schaute er ins Budget des amerikanischen Militärs von 2009 – das stand zum freien Download im Internet. Ausser konkreten Ausgaben wie für „Latrinen, Duschen und Wäsche“ enthält es neben fantasievollen Namen für einige Projekte („Pilot Fish: 132 Mio. Dollar, aber keine Beschreibung) vor allem ganz wesentliche Löcher, erklärte Paglen. Nicht nur für „Selected Activities“ etwa stand gleich mal gar kein Betrag im Dokument. „Die Löcher summieren sich auf 50 Milliarden Dollar, erklärte Paglen, „ein unvorstellbarer Betrag, und das war nur der geheime Teil. Damit können sie Kroatien kaufen (dessen Bruttosozialprodukt ist so groß) oder die chinesische Armee, die zweitgrößte auf der Welt.“ Das verblüffte Staunen der Zuhörerinnen und Zuhörer wurde hier schon fast hörbar.
Ebenso interessant war Paglens Analyse der geheimen Welt: „Sie muss aus der selben Materie geschaffen sein wie die normale, und das ist ein fundamentaler Widerspruch.“ Und: „Auch geheime Materie reflektiert Licht“, also müsse man sie auch fotografieren können. „Das zieht wieder andere Widersprüche nach sich“, sagte er und erläuterte verschiedene Rechercheverfahren, mit denen er zum Beispiel die geheimen Flugrouten von Scheinfirmen der Armee ausfindig gemacht hatte. Das Paradoxe daran ist die Ambivalenz von öffentlich und verborgen, denn die geheimen zivilen Scheinfirmen müssen alles dokumentieren, was mit ihrem Luftverkehr zu tun hat – diese Unterlagen stehen dann bei der amerikanischen Luftfahrtbehörde zur Verfügung.

„A Compendium of Secrets“ - Trevor Paglen stellt in Giessen in der Kunsthalle aus
Im Grunde etabliert Paglen damit auch einen Ansatz zur politischen Aufklärung, holt das Geheime ans Licht, was sich auch in den Kopien der gefälschten Pässe einiger FBI-Entführer und Folterer manifestiert, die er in Italien aufspürte, zweifellos der dunkelste Aspekt der Schau. „Die habe ich nicht ins Internet gestellt“, sagte er dazu ernst. „Aber letztendlich sehen auch solche Menschen genauso aus wie Sie und ich,“ konnte man auch auf anderen seiner Fotos sehen. Fazit: Der Übergang zur geheimen Welt ist demnach fließend, sie ist gleichsam überall - beunruhigend. Nur gut, dass man sie wenigstens fotografieren kann.
Giessen, 31. Mai 2010 / Text: Heiner Schultz / Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
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