Giessen-Server.de ist ein unabhängiges Online Magazin für die Stadt und den Landkreis Giessen. Wir berichten aktuell in Text, Bild, Ton und HD Film über Kultur und Stadtraum, die Wissenschafts- und Einkaufs-
stadt Giessen mitten in Hessen, Freizeit, Natur und Tourismus in der Stadt Giessen, Messen, Märkte, Events und viele weitere interessante Themen.
Anzeigen Giessen Kunsthalle
Anzeigen
Mathematikum Giessen Jahresprogramm Mathematikum

Hella Nohl - Tusche tanzt Rebschrift / Wein malt Sinnstruktur

von Frank Sygusch




In Kooperation mit dem Forum Kunstbetrachtung unter der konzilianten Betreuung der Kunsthistorikerin Dr. Susanne Ließegang fand am vergangenen Samstag die erste Veranstaltung in der Reihe „Atelierbesuche“ statt.

Im Atelier der Giessener Künstlerin Hella Nohl lernten die Gäste die Künstlerin im persönlichen Kontakt kennen und entdeckten in der gemeinsamen Kunstbetrachtung, dass „künstlerische Arbeitsweisen in vielschichtigen Dimensionen erkennbar werden“.

Die Veranstaltungsreihe findet im laufenden Semester als Kursangebot der VHS Giessen statt und bietet die interessante Möglichkeit, dass die Gestaltungsprozesse der Künstler über den Kontakt, das Gespräch und die gemeinsame Betrachtung authentisch erlebbar werden.



*


Vor über zehn Jahren entdeckte die Künstlerin Hella Nohl in einem besonderen Landstrich in den Weinlandschaften Italiens den Rebstock. Der Augenblick der intuitiven Wahrnehmung und die Erlebnisproblematik hat die Künstlerin berührt. Aus der momentanen Beobachtung einer zufälligen Formation von gewachsenen Weinstöcken, entwickelte sich rasch eine eigenständige künstlerische Fragestellung für das Verhältnis zwischen Sinnstruktur und Sinnlichkeit.

Bald entstanden die ersten ausführlichen Skizzenblätter und Studien, Zeichnungen und Serien über den Weinstock und Hella Nohl beschreibt das Erlebnis rückblickend als ein „Glücksgefühl inmitten der Weinstöcke und Weinlandschaften sitzen und zeichnen zu können“.




Rebschriftblatt IV




In einem Ausstellungskatalog aus dem Jahr 1997 „Weinstock-Variationen“ zeigt uns Hella Nohl die Zeichnungen von damals, die auf mich wie einsame bewegungslose und scharfe Klingen wirken. Gekritzelte Zeichnungen, die den Weinstock in anmutender Position in der kargen Landschaft zeigen.

Geraume Zeit später, zurück im Giessener Atelier, stolperte zufällig die zeichnende „Hand beim Grübeln“ über den Weinstöcken ...
Über der Zeichnung und wie ein befreiter Stock aus der Reihe geworfen, bewegt sich die Hand in das Weinglas auf dem Arbeitstisch. Wie ein verstocktes Zeichen tauchte die Feder tief in den roten Wein und nicht in die schwarze Tusche, um sich als kleines Schriftstück einen Wunsch zu erfüllen.








*




*



Dionys. Triptichon I - II - III





F
ortan entfalteten sich die vitalen und zarten Farben des roten Weins im Atelier der Malerin am „Alten Friedhof“ in Giessen entlang einer befreiten Linie, die vollkommen unabhängig von der Farbwirkung, der verinnerlichten Erfahrung und dem Unbewussten ihre Weinbilder malt. Dabei entfaltet sich die Farbe des Weins wie ein Eigenleben und bringt sich im Licht und Zwischenraum zum Ausdruck. Protokollbücher entstanden, Experimente mit Weinen aus gleichen Jahrgängen und Anbaugebieten wurden getätigt und alte geschöpfte Papiere und Blätter aus Nepal markiert und als Bildträger eingesetzt.





Weinkärtchen Montes Carmènére




Mancher Wein will zur Seite entfliehen und zu den Rändern weglaufen. Manche Weinfarben entwickeln einen starken Kontrast und beim Trocknen bilden sich kleine klare Randschattierungen aus; offenbaren einen klaren Symbolcharakter und lösen beim Betrachter Assoziationen aus. „Der Malstoff Wein ist so faszinierend, weil die Farbe etwas macht“, beschreibt Hella Nohl die Begeisterung für den Wein als lebendige Farbe.

Dazwischen wurden die knochigen Weinstöcke Venetos zu Klingen zwischen unbunten Farben, später zu Rebzeichen vereint und schließlich mündete alles in eine Zeichensprache. Und jetzt schmecken die Augen beim Betrachten die Weinreben und die vom Genuss des Gaumens befreite rote Zunge versteht die geordnete Landschaft der tanzenden Zeichen. Dann entsteht in einer choreographischen Bildstruktur die Rebschrift nach einem bestimmten Rhythmus, geschrieben mit tiefschwarzer Tusche als Klangbild und Klingenfarbe in Skizzenbücher, auf Blättern und handgeschöpften Papieren.





Wein und Name





Der Wein als Farbe entdeckt „hat das Vermögen zu überraschen“, beschreibt die Künstlerin und zeigt ihre Anfertigungen von den Weinkarten als erste Versuche, die Farbe zu verstehen. Und anschließend holt Hella Nohl die „Streifentäfelchen“, die „Rotwein-Reihen“, die Serie „Wein und Name“ und andere Kunstwerke aus ihren Mappen hervor. Einzelne der Bilder sehen auf den ersten Eindruck aus wie aneinander gereihte Duplikate einer wissenschaftlichen Untersuchung, oder wirken wie eine Tafel aus der Sammlung zum Rorschach Formdeuteversuch für die psychologische Diagnostik.





12 Weintöne





Bei genauer Betrachtung und im gemeinsamen Gespräch erkennen wir aber, dass die Farbgestaltung des Weines einen klaren Raum einnimmt, wenn ihm die Bedingung der Möglichkeit dafür geschaffen wird. Eine Geographie vom Weinfarbraum präsentiert uns Hella Nohl an diesem Nachmittag in ihrem Atelier, der im Weinstock gründet, den sie als Zeichnerin entdeckte und jetzt in der Rebschrift mit schwarzer Tusche beschreibend begleitet.





Kleine Weinsammlung




Daneben hat die Künstlerin Weinobjekte geschaffen: In kleinen Glasfläschchen werden die in der Malerei verwendeten Weine eingefüllt und in einer chronologischen Anordnung als Objekt in einem Rahmenkasten aufgestellt.

„Und wenn tatsächlich jemand die Bedeutung der Rebschrift entziffert“, frage ich spontan am Tisch bei Kaffee und Tee und Hella Nohl antwortet unmittelbar darauf und lacht dabei herzlich, „dann hat er Glück gehabt“.





Klingen





Glück gehabt“, denke ich, wie das Kind, von dem die Künstlerin ein paar Minuten zuvor erzählt hatte, das während einer Ausstellung vor einer Zeichnung mit Rebschrift verharrte, um sich den Rebtext fließend und flüssig selbst vorzulesen: Erzählungen von glücklichen Menschen mit phantastischen Botschaften.





96 rote Proben



*

H e l l a N o h l

1939 in Giessen geboren
1959 - 1964 Studium an der Akademie für Bildende Künste, Mainz
Studium der Kunstgeschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz 1965 - 1995 Tätigkeit als Kunsterzieherin
seit 1986 Intensivierung der eigenen künstlerischen Arbeit
Studienaufenthalte in Italien
seit 1995 Beschäftigung mit dem Themen "Weinstok" und "Wein"
seit 1998 Einsatz und Erforschung des Rotweins als Gestaltungsmittel
Entstehung der "Rotweinbilder"
Entwicklung der "Rebschrift"
Scripturale Arbeiten seit 2002 Projekte "Rotuli" und "Unlesbare Bücher"
Objekte zum Thema "Wein"


* *


Publikationen (Auswahl):

Katalog "Rot-Wein-Reihen"
Galerie Dietgard Wosimsky, Giessen (Hg.), 2005

Katalog "Hessiale 2002, Landeskunstausstellung"
Volker Bunte (Hg.), Giessen

Katalog Hella Nohl, "Bacchus-Zeichen"
Galerie Dietgard Wosimsky (Hg.), Giessen 2002

Katalog Hella Nohl, "Dionysischer Tanz"
Galerie Dietgard Wosimsky (Hg.), Giessen 2000

Katalog Hella Nohl, „Weinstock-Variationen",
Galerie Dietgard Wosimsky (Hg.), Giessen 1997



Giessen, 05. März 2007 / Der Besuch im Atelier bei Hella Nohl fand am 03. März 2007 statt. Fotographien: Jörg Wilczek / Klaus Nohl / Dietgard Wosimsky


* * *


Die weiteren Atelierbesuche in der Veranstaltungsreihe 2007 bei den folgenden Künstlern sind am:

Thomas Vinson / Samstag, 24. März 2007

Barbara Heinisch / Samstag, 05. Mai 2007

Gisela Denninghoff / Samstag, 02. Juni 2007




Informationen: Dr. Susanne Ließegang, Telefon: 06409-8080284 oder bei der VHS Giessen, Tel.: 0641 - 306-1469


Event Kalender
Mai 2012
  • Mo
  • Di
  • Mi
  • Do
  • Fr
  • Sa
  • So
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22
  • 23
  • 24
  • 25
  • 26
  • 27
  • 28
  • 29
  • 30
  • 31
Anzeigen

Giessen Links

Stadt Giessen
Justus-Liebig-Universität
Fachhochschule Giessen
Tourist Information Giessen
Kunsthalle Giessen
Stadttheater Giessen (Jahresprogramm)
Mathematikum in Giessen (Jahresprogramm)
Botanischer Garten in Giessen
Liebig Museum in Giessen
Kümmerei in Giessen
Messe Giessen

Giessen Mensaspeiseplan

Ihre Meinung ist uns wichtig!


Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit und teilen Sie uns in ein paar Worten mit, was wir für Sie noch verbessern können,
was Ihnen gefällt oder was Sie eben nicht so toll finden.

Giessen-Server.de Newsletter


Sehr geehrte Damen und Herren,
gerne informieren wir Sie gezielt über aktuelle Beiträge, die auf dem Online Magazin Giessen-Server.de erscheinen. Bitte teilen Sie uns einfach mit, welche Themen Sie interessieren. Mehrfachnennungen sind möglich: