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Thomas Vinson – Feine Linie und monochrome Raumbeugung

von Frank Sygusch


In Kooperation mit dem Forum Kunstbetrachtung unter der konzilianten Betreuung der Kunsthistorikerin Dr. Susanne Ließegang fand am vergangenen Samstag die zweite Veranstaltung in der Reihe „Atelierbesuche“ statt.

Im Atelier des Giessener Künstlers Thomas Vinson lernten die Gäste den Künstler im persönlichen Kontakt kennen und entdeckten in der gemeinsamen Kunstbetrachtung, dass „künstlerische Arbeitsweisen in vielschichtigen Dimensionen erkennbar werden“.

Die Veranstaltungsreihe findet im laufenden Semester als Kursangebot der VHS Giessen statt und bietet die interessante Möglichkeit, dass die Gestaltungsprozesse der Künstler über den Kontakt, das Gespräch und die gemeinsame Betrachtung authentisch erlebbar werden.



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An der großen weißen Wand im Atelier hat der Künstler für uns Besucher vier Arbeiten aufgehängt. Die an der weißen Wand hängenden Reliefs wirken wie eine komponierte Reihe auf den Betrachter mit schwebenden Flächen in verschiedenen Farbebenen, deren gerade Linien der klaren Form Einhalt gebieten wollen, weil die Farbgestalt die Ebenen im Raum hervorhebt und betont. „Es sind die Primärfarben“, so erzählt Thomas Vinson später im Gespräch, mit denen er malt und die sich im Kontrast mit den unbunten Farben weiß und schwarz organisieren müssen. „Weiß-Weiß-Rot“ lautet der schlichte Titel eines Bildes, das sich aus drei verschieden-großen und übereinander angeordneten Ebenen zu einem in sich geschlossenen Relief mit mehreren Flächen zusammensetzt.


Als Werkstoff nutzt der Künstler Holzplatten, die als Arbeitsmaterial zu Flächenquadraten zugeschnitten und anschließend in einem aufwendigen Malprozess mit aufgetragenen Farbschichten zu monochromen Flächen werden und gemeinsam den umgebenden Raum verändern. Das Relief von Thomas Vinson ist am Prinzip der monochromen Farbdichte orientiert, aber die Farbebenen scheinen die klare Linienführung und den Farbumfang der Flächen aufzuheben, die in sich eine Spannung im abgegrenzten Ausmaß erzeugen. Mit bis zu dreißig Schichten erreicht es der Künstler, dass eine hohe und gleichmäßige Opazität entsteht. Das Körperhafte des Bildflächenraumes wird durch die feine Schattenbildung verstärkt, da die mit 40 Grad nach hinten abgeschrägten Bildränder in der gleichen weißen Farbe dem Raum Schattenlicht zuführen ohne die Wahrnehmung zu begrenzen. Das Lichtverhalten auf den Rändern und Kantenlinien des Reliefs verändert sich, wenn der Betrachter seine Perspektive wechselt und sich im Raum orientiert, um herauszufinden, ob sich die feinen Linien mit verändertem Blick auch beugen dürfen.



Ein zweites Werk zeigt eine Quadratfläche mit horizontalen gefrästen Linien, die eine unterschiedliche Breite aufzeigen und unbemalt in der Farbe des Holzes gegenüber den mit weißer Farbe bemalten Flächen einen gleichmäßigen und ruhigen Kontrast ausbilden. Die horizontale Linienführung verstärkt die Blickrichtung auf die Zwischenflächen, die in gleichen Zwischenabständen angeordnet sind und eine sichere Umgebung bilden.


Will Thomas Vinson mit der leichten Linienführung über die Wahrnehmungsebenen des Betrachters entscheiden, oder überlässt es der Künstler der weißen Wand, die als Hintergrund im Raum steht, die Bedingung der Möglichkeit für die Unterscheidung zu schaffen, wann die Linien die Kontrolle über den Raum übernehmen? Was passiert für das Auge, wenn das Bild schief hängt? Verschwindet es damit aus dem Raum und löst sich auf?


Es ist der spannende Moment der Entscheidung, wenn der Künstler über die Anordnung der monochromen Flächen befinden muss und damit den Raum neu organisiert und dabei Rücksicht auf die feinen Linien nimmt, die die Stofflichkeit begrenzen. Wenn das Bild zusammengestellt und aufgehängt ist, dann hat der Künstler Thomas Vinson die Kontrolle über die Raumorganisation abgegeben und die geistige Idee darf sich der sinnlichen Wahrnehmung der Betrachter annähern. Das gelingt mit den 4 Werken, die uns der Künstler präsentiert, denn die Entscheidung über die Komposition eröffnet die Bedingung für die Unterscheidung: die Differenz in der Betrachtung.


In letzter Zeit ist es mir wichtig geworden, auch darüber nachzudenken, eine in sich abgeschlossene und gesamte Wandfläche zu komponieren“, berichtet Thomas Vinson und lenkt damit auf die Art des Denkens, die seine Arbeiten mitprägen. Es ist die Bewegung, die den Raum macht, wenn wir uns als Betrachter darin orientieren müssen und es ist spannend, wenn die Kunst in den Raum hineingeht und dem Betrachter entgegenkommt. Die Wirkung der auf die minimalen Kompositionselemente reduzierten Werke des Künstlers ist erfrischend, wenn wir uns der Wahrnehmung öffnen und die Farbgestaltung als Fläche für die Formgestaltung der Linien begreifend erfassen. Die Wirkung ist ein Linienspiel, das den Sinn zunächst weit fernhält und eine zugeordnete Bedeutung nicht sofort erkennbar wird. Der kleinste gemeinsame Nenner für alles bleibt der umgebende Raum, der keinen Anfang und kein Ende kennt.







Im zweiten Teil des Nachmittags im Atelier des Künstlers sprechen wir über Rauminstallationen und –inszenierungen mit Objekten aus Körperflächen. Wieder sind es die geraden Linien, mit denen der Künstler an den Kanten der monochromen Flächen vordringlich arbeitet. Und Thomas Vinson erzählt von der faszinierenden Idee mit nur einem Rucksack und einem langen roten Seil Kunstwerke als Raumsinstallationen zu schaffen und so von Ort zu Ort durch die Welt zu reisen. In Giessen hat er vor zwei Jahren einen Innenraum der alten Friedhofskapelle mit Seilen bespannt und ein wunderbares Klangbild aus sich kreuzenden Linien erschaffen. In Ausstellungsräumen in Kassel, die sonst von der documenta genutzt werden, hat er die Seile von außen in den Raum nach innen über verschiedene Stockwerke geführt, um abschließend die Linienführung wieder nach außen gelangen zu lassen.


Die gespannten Seile erzeugen Raumspannungen und der Raumeindruck wird verändert, erhält dadurch eine neue Bedeutung, weil die gekreuzten Linien sich keiner Grenze beugen. Zusätzlich werden Verbindungen zwischen außen und innen geschaffen und neue bewusste Kontaktflächen und unbewusste Projektionsflächen entstehen. Form und Flächencharakter werden aufgehoben und sind kein Sakrileg mehr. Die Dynamik in der Arbeit mit den Seilen folgt der Idee der feinen Linien, die in der Wahrnehmung des Künstlers gründet.








Abschließend berichtet uns Thomas Vinson an diesem Nachmittag, dass er fasziniert ist von den vorgefunden Formen der Gegenstände auf denen sich durch natürliche Alterung und äußere Einflüsse eine besondere Oberfläche gebildet hat, die sich durch Farbe und Struktur hervorhebt. Das kann eine platt gedrückte Oberfläche eines Kartons, oder eine zerdrückte Blechdose oder Reste von zerschlissenen Reifen sein, die er am Straßenrand und auf dem Asphalt erkennt und die sich frei in den Raum hinein und unabhängig von unserer Erfahrung in unsere Wahrnehmung hineinbewegen. Gerne möchte er bald mit einem Künstlerkollegen den Spuren auf den Asphaltlandstrassen in den USA nachgehen und die Linien, Formen und Flächen ergründen und bearbeiten; oder mit Graphit auf schwarzen mehrschichtigen monochromen Flächen oder auf Schleifpapier zeichnen, um zu ergründen, wie die schwarze Fläche die Bewegung des Bleistiftes formt. Thomas Vinson versucht die Anordnung der Formen durch die monochromen Farbflächen zu gestalten und lässt sich dabei von den feinen Linien führen, die sich dem Raum beugen.







Giessen, 28. März 2007 / Der Atelierbesuch fand am 24. März statt / Fotos: Thomas Vinson / Foto vom Arbeitstisch im Werkstattatelier: Frank Sygusch


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