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Heather Allen – Skulpturales ICH und geglückter Diskurs

Kunst-Stücke 01 in der Anwaltskanzlei advotec in Giessen


Von Frank Sygusch



Am vergangenen Freitag fand in der Patent- und Rechtsanwaltskanzlei advotec in Giessen eine Ausstellungseröffnung mit Werken der Künstler Heather Allen und Özcan Kaplan statt. Gemeinsam mit der Zipse GmbH werden in Zukunft und in loser Folge Kunstausstellungen mit überregional anerkannten Künstlerinnen und Künstlern stattfinden. Nach der Begrüßung der Gastgeber durch Herrn RA Hartmut Tappe von advotec sprach zur Einführung Markus Lepper, Neuer Kunstverein Giessen.

Giessen-Server.de wird in zwei Beiträgen die Werke und die Künstler vorstellen und über die Ausstellung berichten. Heute erscheint der erste Teil über die Künstlerin Heather Allen, die neben 47 Figuren (2005 – 2007), eine Tuschezeichnung „Tree“ auf Papier (2004) und einen Lamda Print „Garden“ (2006) ausstellt.






(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)





Eigentlich enthalten die wunderbaren kleinen Figuren von Heather Allen, die sich nackt und stillstehend im Raum als skulpturale Komposition und durchdachte Formation bewegen, große wissenschaftliche Fragestellungen. Alle Figuren, in der Größe von ca. 18 Zentimeter gehalten, haben einen eigenen Charakter und wirken entspannt, wie in der alltäglichen Konversation; halten die Arme gekreuzt oder lassen die Ellenbogen locker herunterhängen als ein Zeichen von Zufriedenheit; liegen mit angewinkelten oder abgespreizten Beinen entspannt auf dem Boden, hören und schauen sich gegenseitig zu und an und führen einen Dialog.






(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)






Aber mit wem kommunizieren die Figuren, etwa mit sich selbst, oder Gott und der Welt? Und über was unterhalten sich die Figuren eigentlich und welche vertrauten Gedanken werden ausgetauscht? Dabei zeigt sich eine Körperhaltung, die ein deutliches Interesse an der Umgebung offenbart und die Blicke der vielen Augen scheinen in eine tiefe, verborgene Welt zu schauen, die wir nicht kennen, vielleicht aber erahnen. Einige der Figuren schauen mit klaren Blicken auf die anderen im Raum, andere berühren, streicheln und erforschen sich gegenseitig.

Heather Allen modelliert die Figuren aus Sculpey, einer knetartigen Masse. Wenn die Figuren fertig geformt sind, übernimmt anschließend der Backofen die Härtung. In der Mehrzahl sind es Frauen, die zu zweit, in Gruppen oder alleine im Raum stehen. Vereinzelt sind Männer mit in das komplexe Geschehen integriert.







(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)





Und was genau tun die Figuren und wo leben sie? Werden hier die Grenzen zwischen der eigenen Identität und den Begrifflichkeiten einer Theorie des Sozialen ausgelotet? Jede einzelne Figur hat eine Bedeutung und ist ein Teil von etwas, steht für sich alleine im Raum als Einzelwesen, als ein in sich selbst verborgener Mensch mit eigenem Ich, geschaffen von der Künstlerin aus einer formbaren Masse und doch scheint allen etwas gemeinsam zu sein. Ist es eine Vertrautheit, die zwischen den einzelnen Wesen seit langer Zeit besteht, aber sich dennoch verfremdet, wenn eine Zeitphase vorüber ist? Ist es ein gemeinsames Gesellschaftsbild, das in den Rollen aller vorkommt oder als ein Wunschbild existieren kann? Ist es ein Kampfplatz; eine Landschaft voller gegenseitiger Spiegel; eine kleine Theaterbühne für den zwischenmenschlichen Kosmos der symbolischen Interaktionen; ein Wellnesscenter für die müden Seelen und Körper; ein öffentlicher Schauplatz als Heilmittel oder Ersatz für Religion?







(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)






Nach einigen Minuten der Betrachtung entsteht in mir ein vertrautes Bild von der idealen Gruppe vor mir, die von der Künstlerin auf dem großen Aktenschrank der Kanzlei als kleine Gesellschaftsformation in einer skulpturalen Arbeit zusammengeführt wurde. Die tägliche Nacktheit in mir verschwindet plötzlich aus dem Raum. Verkörpern die kleinen nackten Menschen von Heather Allen ein Wissen und eine Neugier über die eigene Topographie von hinterlassenen Spuren in unseren gegenseitigen Gefühlslandschaften. Wissen die Figuren eigentlich davon, welche Spuren und Zeichen sie beim Betrachter hinterlassen? Oder träumt die Skulptur einen gemeinsamen Tagtraum?





(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)






Für einige Sekunden ertappe ich mich bei dem Einfall, dass eine Einverleibung der einen oder anderen Figur, wäre sie denn aus Marzipan oder leicht versüßt, mir gar nicht unpassend erschiene. Trüge ich dann Heather Allan in mir, die ein Wissen darüber hat, welche Bedeutung die Spuren haben, die von den Figuren hinterlassen werden? Doch schnell verwirft mein Alter-ego den leckeren oralen Lösungsvorschlag.. Oder sollten die kleinen Egos, die Alteregos von Heather Allen Kunst in einer kleinen Performance das Sprechen mit Hilfe der Besucher der Vernissage im authentischen Dialog lernen? So könnten vis-a-vis viele spontane Zeichen der konkreten Poesie entstehen, wenn ganz viele menschliche Ichs im Kontakt mit den kleinen Skulpturen ihre sprachlichen Spuren und Bedeutungen preisgeben und öffentlich etwas aussprechen oder notieren.





Heather Allen in Giessen (Bild: Frank Sygusch)





Oder tragen die Figuren eine Botschaft mit sich herum, die sie untereinander als kleine gesellschaftliche Einheiten heftig und intern diskutieren: eine gemeinsame Erlebnisproblematik, die den Zeichen einen Sinn zuführt und dem Unbewussten einen Inhalt gibt?Die Tiefendimension der kleinen unbekleideten Körper, die von der Künstlerin geschaffen, zärtlich miteinander anfangen zu fühlen, schauen mit den eigenen Augen eigentlich weg von sich und nach innen. Sozusagen eine archäologische Wissenschaft der Körpererscheinungen als skupturale Erlebnisanalyse. Und das passiert im Augenblick der sozialen Interaktion und der Kommunikation und nur dann entsteht dazu die Sinnstruktur. Das Sehen alleine reicht nicht aus für das Verständnis, wenn Verhältnisse etwas in uns sprachlos gemacht haben, was wir alleine nicht mehr rekonstruieren können.







(Bild: Giessen-Server / Frank Sygusch)





Alle Figuren bewegen sich barfuss auf einem schmalen Grad einer kritisch nach innen gewendeten Sichtweise und der Reflexion über das eigene Ich, die den anderen und seine Anteile sucht, die unser Es bereits in sich trägt. Die Figuren von Heather Allen intervenieren mit ihrer Möglichkeit der reinen Körpersprache und die Zusammensetzung der Szenen folgt bewusst einem intuitiven Denkmuster und die Möglichkeit für eine narrative Ambiguität entsteht. Die tiefe Vergangenheit in uns kann in der Gegenwart sprechen lernen, wenn der Kunstbetrachter es wünscht, es will und sich dieser Selbsterfahrung aussetzen kann.








Zahlreiche Besucherinnen und Besucher kamen zur Vernissage bei advotec / Zipse (Bild: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)






D
as von ihr geschaffene Kunstwerk ist eine wunderbare Möglichkeit der Selbstreflexion in der Gegenwart und belegt, dass die Phantasie in der Kunst die stärkste physikalische Kraft ist, die wir als Menschen besitzen und bestätigt die Tatsache, dass die kleinste gesellschaftliche Einheit zwei Menschen sind. Die dynamische Zweisamkeit hat tiefe Wurzeln in uns geschlagen und die Ausdruckskraft der Figuren Heather Allens sind ein gelungener Teil im „Kunststück 01“ in der Kunstausstellung in der Kanzlei advotec in Giessen. Den Betrachtern steht die Kunst bis in den September zu Verfügung.



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Heather Allen ist 1952 in Romford, England geboren und lebt und arbeitet seit geraumer Zeit in Berlin. Sie hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, und viele Einzel- und Gruppenausstellungen durchgeführt. Im April 2007 wird Heather Allen auf der Kunstmesse in Köln vertreten sein.




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Bis September bei advotec, Georg-Schlosser-Straße 6. Besichtigungmontags bis freitags während der Bürozeiten nach Vereinbarung, Telefon0641-974 600




Giessen, 30. März 2007 / Ausstellungsbericht /-kommentar und alle Fotographien: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)

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