GIESSEN (fsy). Gesellig und informativ geht es immer wieder beim Neuen Kunstverein in Giessen zu. Passend zum Thema und zum Ausstellungsende von „Kosmos Kiosk“ versammelten sich rund 20 Interessierte am vergangenen Samstagnachmittag und nahmen teil an einer Fahrradexkursion quer durch die Giessener Stadtlandschaft, inklusive Durchfahrt des Philosophenwaldes nach Wieseck und zurück durch die Nordstadt zum Bahnhofsvorplatz und Berliner Platz.

Der letzte "Max hat´s" in Giessen Wieseck ...
(Foto: Giessen-Server.de)
Erkundet wurde ein Teil der Giessener Kiosklandschaft. Jene begehbaren und nicht begehbaren Orte mit einem gewissen Charme, die mit einer klaren Bodenhaftung und Botschaft den Wandel der bunten Alltagswelt gegen die Zeit repräsentieren. Kioske sind Orte, die auf kleinem Raum vieles anbieten. Aber irgendwie haben die kleinen Häuschen im Stadtbild keinen rechten Platz mehr und werden kaum noch wahrgenommen mit ihrer häuslichen Idylle und langfristigen Option. Doch bei der Jugend lagen die Kioske immer im Trend.

Giessener Kiosklandschaft auf Radtour erkundet
(Foto: Giessen-Server.de)
Auch hat es den Anschein, dass der Kiosk eine kleine Welt der eigenen Zeitzonen bewahrt, die jeder auf seine Art und Weise durchwandern kann und der Raum kann als selbstreflexive Verortung in der Bewegung wahrgenommen werden. Genauer betrachtet gehorcht der Kiosk einer strengen ökonomischen Form: die Geschäftsidee bleibt immer konzentriert, aber beweglich im Wandel der Gesellschaft. Wechselt der Besitzer und schlüpft ein anderer in die Rollenidee zwischen Angebot und Nachfrage, dann variiert das Verkaufsangebot und es gibt „leckeren Mais in Bechern mit Saucen“, oder „frische Brötchen mit hausgemachter oberhessischer Leberwurscht“. Oder die Züricher Zeitung ist fest im Sortiment oder kleine süße weiße Fruchtgummimäuse.
Und überhaupt, ist nicht jeder Kiosk eine Provokation als Bedeutungsträger für die Gesellschaft? Der Kunde erlebt in stiller Opposition von Distanz und Nähe das breite und spezielle Warenangebot und das enthält meistens alte Formen kultureller Codierung ganz neu verpackt. Die Öffnungszeiten scheinen so vielfältig, wie das Warenangebot: jeder macht, was er will.

Giessener Kiosklandschaft auf Radtour erkundet
(Foto: Giessen-Server.de)
In zweieinhalb Stunden radelte die spontane Exkursionsgruppe quer durch die Stadt und erlebte die Kiosklandschaft an exemplarischen Beispielen als das Minimum von Raum ohne Grenzen mit großer Reichweite für die narrative Form. Die Orte und Verkaufsräume der Kioske rückten ins Blickfeld, wie bei stadtteilethnographischen Forscherinnen und Forschern, die den besonderen Blick auf die Warenkunde schärfen, um Randbedingungen und verlorene Freiräume zu entdecken. Bestimmt hätten Landschafts- und Stadtplaner und Architekten ihre Freude daran gehabt, mit zu entdecken, wenn der Raum als Gegenstand und Medium der sozialen Beziehung durch die Exkursion in der Anschauung erforscht wird. Daraus können viele Geschichten (mit Projektionen) entstehen und die Kommunikation setzt den osmotischen Blick frei auf das, was wir irgendwie schon glauben zu kennen, aber es nicht wahrhaben wollen.
Andächtig wurde es für einige Sekunden in der Goethestrasse. Dort ist der Kiosk vor geraumer Zeit spurlos verschwunden und hat außer dem Erinnerungsraum nur noch tiefe Risse in den Mauern und Linien auf dem Boden hinterlassen. „Wahrscheinlich musste der Kiosk den Wünschen nach Parkplätzen weichen“, ist eine der möglichen Antworten auf die Frage des „Warum“, weiß Exkursionsleiter Jörg Wagner zu berichten. Der Kiosk „Max hat´s“ in Wieseck ist der letzte überlebende Ort aus der Kioskkette von jenem Max, der selbst aber nicht mehr hinter der Verkaufstheke steht, aber eine gute Idee für eine Marketingfrage hatte.
Und in der Bahnhofstrasse steht der kleinste Kiosk in Giessen - längst aber sind alle Fenster vernagelt und für immer verschlossen. „Wenigstens das Kioskschild könnte man retten“, fragen einzelne der Exkursionsteilnehmer nach. „Mal sehen, ob das klappt“.
Schon wie bei der Ausstellungseröffnung vor Wochen: Wieder trafen Erwartung und Konfusion bunt aufeinander: der kleine Raum der Kioske wird zur Bühne, und die Lautlichkeit der Stimmen prägt den Ort der Aufführung. Was tun?

Giessener Kiosklandschaft auf Radtour erkundet
(Foto: Giessen-Server.de)
Abgerundet wurde der „Kiosk-Entdecker-Nachmittag-bis-in-den-Abend“ des Neuen Kunstvereins Giessen bei frischem Huppendorfer Bier, Hot Dogs, Süßigkeiten und Livemusik am Ort des Geschehens: dem Kosmos Kiosk.
Aus Halle an der Saale angereist, berichteten Frau und Herr Fleischer über einen dort verorteten Kiosk. Den hat der Kunstverein in Halle erworben und nutzt ihn jetzt für sein eigenes Waren- und Kulturangebot.
Giessen, 26. August 2010 / Filmbeitrag, Text und alle Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
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