GIESSEN (fod). Seine Großmutter hätten Matthias Leschhorn und seine Brüder gerne kennengelernt. Aber es blieb ihnen verwehrt. Die Großmutter des heutigen Pfarrers der Petrusgemeinde war von den Nationalsozialisten ermordet worden, da sie nach deren Gesetz zum „lebensunwerten Leben“ zählte. Auf dem im Mai 1945 zugestellten Todesschein war als Todesursache Herzschlag angegeben. Doch nach dem Ende des Krieges sollte der Vater von Matthias Leschhorn erfahren, dass seine Mutter kurz nach ihrer Einlieferung in der „Heilanstalt“ Hadamar vergast worden war.

Matthias Leschhorn (in blauer Jacke) in der Walltorstrasse in Giessen bei der Verlegung des Stolpersteins für seine Großmutter Philippine Leschhorn
(Foto: Frank O. Docter)
Kurz danach legte der Pfarrer gemeinsam mit seinen beiden Töchtern Hanna und Katharina eine Rose und ein Teelicht neben dem mit einer goldenen Plakette mit den Lebensdaten von Philippine Leschhorn versehenen Stein nieder. Das von nun an unübersehbar im Bürgersteig vor dem Haus Walltorstraße 10 im Boden versenkte Mahnmal war nur eines von 21, das vom Kölner Künstler Gunter Demnig an sieben Stellen in Walltor-, Alicen-, Ludwig- und Stephanstraße seiner Bestimmung übergeben wurde. Damit erhöht sich die Gesamtzahl aller Giessener Stolpersteine auf 93.
Nach einer kurzen Einführung durch Pfarrer Klaus Weißgerber, der gemeinsam mit Christel Buseck, Monika Graulich und Ursula Schroeter die für Recherche- und Vorarbeiten zuständige Koordinierungsgruppe bildet, sprach mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz erstmals ein Stadtoberhaupt bei einer Verlegung. „Wir erinnern heute an frühere Mitbürger, die mitten in Gießen lebten und von hier aus in den Tod geschickt wurden“, sagte Grabe-Bolz. Sie freue sich über die große Anteilnahme, gerade junger Menschen, denn die Steine dienten auch als Mahnung, „dass so etwas Schreckliches nie wieder passiert“, betonte die OB.
Als dann später in der Stephanstraße 28 zum ersten Mal gleich sieben Steine auf einmal an derselben Stelle in Giessen verlegt wurden und eine große Gruppe von Schülern der Ricarda-Huch-Schule und der Liebigschule, die dort Gedichte vortrugen, anwesend war, erläuterte Gunter Demnig das Konzept hinter seiner Idee. „Wer die Aufschrift auf den Steinen lesen möchte, muss sich dazu verbeugen, und damit auch vor den Opfern“, erläuterte er. „Die vorbeikommenden Menschen stolpern mit dem Kopf und dem Herzen.“ Dass er in zehn Jahren mit rund 26 000 Mahnmalen in knapp 530 deutschen Kommunen „nur drei Morddrohungen“ erhalten habe, wertete Demnig trotz dieser Tatsache als positiv.
Eine der anderen gestrigen Stationen war die Adresse Alicenstraße 40. Dort wurde ein Stolperstein im Gedenken an Dr. Ludwig Rosenthal verlegt, der laut Monika Graulich „eine herausragende Rolle in Gießen und Umgebung“ innehatte. Denn der Rechtsanwalt, der Ende September 1942 mit etwa 330 weiteren Personen aus ganz Oberhessen nach Darmstadt deportiert wurde, um dann im Vernichtungslager Treblinka sofort nach der Ankunft ermordet zu werden, habe nach Entzug der Zulassung noch jüdische Mandanten vertreten dürfen. Die ihm nach einem Haftaufenthalt in Buchenwald 1938 gemachte Auflage, Deutschland schnellstens zu verlassen, konnte der Jurist jedoch nicht mehr in die Tat umsetzen. Wie auch die Eltern der in der Ludwigstraße 45 mit einem Mahnmal gewürdigten Gertrud Katz. „Ihr gelang 1938 die Flucht in die USA und sie überlebte. Ihre Eltern hatten noch die Hoffnung, der Tochter folgen zu können“, berichtete Christel Buseck. Doch sei es dafür zu spät gewesen.
Monika Graulich dankte schließlich den Mitarbeitern des städtischen Tiefbauamts, die wieder die Löcher vorbereitet hatten, und teilte auf Anfrage mit, dass vorerst keine weitere Verlegung geplant sei. Die Arbeit der Koordinierungsgruppe gilt jetzt in erster Linie dem Fertigstellen einer Broschüre, die die Schicksale aller bisher mit Stolpersteinen in Giessen bedachten 93 Personen enthalten und im Laufe des kommenden Jahres erscheinen soll.
Giessen, 09. September 2010 / Bild: Frank O. Docter
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