
Dr. Jutta Failing erklärt das (un)heimliche Giessen (Bild: Giessen-Server.de)
GIESSEN (fsy). Unweit vom heutigen Marktplatz mit seinen modernen Leuchten und den nächtlichen Wechselfarben in den Bushäuschen, direkt am Glockenturm, der in den Jahren 1484 bis 1520 erbaut wurde, trafen sich am frühen Samstagabend zahlreiche Interessierte, um an dem von Dr. Jutta Failing betreuten Rundgang "das (un)heimliche Giessen“ teilzunehmen.

Im offiziellen und aktuellen Faltblatt der Stadt Giessen mit den zahlreichen Orten der Stadtgeschichte sind nicht alle Stationen verzeichnet, die an diesem Abend aufgesucht werden. Um die "Schattenseiten" geht es, die Töchter und die Söhne der Nacht und es gilt das Dunkle, das bewusst Verdrängte und unbewusst Abgewehrte in den verschiedenen Themen einer sozialen Identität in der Stadthistorie zu beleuchten und als einen wichtigen Bestandteil in einer historischen Stadtführung aufzufalten.

Der Glockenturm am Kirchenplatz
Bereits am Ausgangspunkt am Turm erleben die Zuhörerinnen und Zuhörer einen Geschichtsgang zum Wahrnehmen und es geht immer um die Vergangenheit und die Gegenwart zugleich, die sich uns in Quellen und Überlieferungen aus Berichten, in der Mythologie und den Märchen, in den Anekdoten und Erzählungen öffnet.

Westlich und in Blicknähe des alten Glockenturms sind die Reste der Frühgeschichte von Giessen noch als Wehrmauer und Keller in zwei ehemaligen Burgmannenhäusern erhalten.
Mit zahlreichen Beispielen gelingt es der Kunsthistorikerin die Lebendigkeit der Erinnerungen an die Entstehung einer Stadt im 12. Jahrhundert vorbildlich aufleben zu lassen und mit zahlreichen Beispielen und über die Annäherung von Symbolen und die sprachlichen Muster erzählt sie über die Vergangenheit in Giessen. Fast wirken die Ausführungen wie ein Zugang, der über eine poetische Methode stattfindet, wenn die Orte und die Rituale um den gegenwärtigen Tod thematisiert werden und die Besucher sich auf dem gleichen Boden befinden, an dem all dies vor hunderten Jahren stattgefunden hat. So etwa, wenn über die falsche Deutung berichtet wird, "die Toten im Grabe schmatzen zu hören", obwohl sich die Geräusche auf die Bildung von Faulgasen zurückführen lässt, die wegen der damals geringen Grabtiefe aus den Leichen entstiegen.

Dr. Jutta Failing berichtet am Glockenturm und anschließend in der Sandgasse, wo das Stockhaus stand, über das ganzheitliche Alltagsgeschehen, über das Verdeckte einer Stadtöffentlichkeit und von der lebendigen Sozialgeschichte der Stadt, die an den Wasserbächen und Rinnsalen von Wieseck und Lahn entstand.
Bis im Jahr 1824 fanden in Giessen öffentliche Hinrichtungen am Galgenberg statt. Der lag weit vor den Stadtgrenzen auf der Anhöhe in der heutigen Marburger Strasse. Der Beruf des Henkers war ein ehrbarer Berufsstand und seine Amtsausführung hatte immer ein gleiches Ziel: den Tod von Menschen herbeizuführen.

Antoine la Grave (der Große Galantho genannt) saß im Stockhaus ein und wurde später in Darmstadt gerädert und gevierteilt, Jahre nachdem die 24 Leute aus seiner Bande in Giessen hingerichtet worden waren.
"Und wer in den Stock getan“, der hatte hinterher blaue Flecken und daher kommt das Wort "stockfleckig“, das wir verwenden. So wie Antoine la Grave, der es verstand sich als Anführer mit seiner Räuberbande in der ganzen Gegend zu organisieren und später im Stockhaus einsaß. Mit dem "Terzrohr“ und dem Messer hatten er und seine Leute schlimme Verbrechen begangen und dafür wurden ihm als Anführer die Knochen mit dem großen Wagenrad gebrochen, bis er langsam starb und anschliessend gevierteilt. Wenn aber vielleicht Mörder und Totschläger Ruinen von Menschen sind, was ist das Gesetz für den Henker?
Die Frauen der Räuberbande erlebten den Tod mit dem Schwert und die Männer wurden am Galgen hingerichtet; und alles wurde als öffentliches Ereignis inszeniert.

Das Stockhaus in der Sandgasse wurde 1960 abgerissen
Im Stockhaus saßen auch junge Frauen ein, die in einem Moment des Glücks geliebt hatten und später uneheliche Kinder gebaren. Als "gefallene Mädele“ mussten sie ihren Makel barfuss vor der versammelten Kirchengemeinde bekennen. Ein grausamer Akt, als ob der Krieg dem Menschen eingefleischt ist?

"In der Wetzsteinstrasse war immer was los“, berichten Teilnehmer an den Stadt-Rundgängen noch heute der Kunsthistorikerin.1890 zählte die Stadt Giessen um die 35000 Einwohnerinnen und Einwohner; und 5 davon waren offizielle "lüderliche Dirnen“.
Einige Jahre später, 1907 gab es das erste Bordell in Giessen und die Besitzerin war im Meldeamt mit der Berufsbezeichnung "Puffbesitzerin“ eingetragen. 1950 berichtete die Wochenzeitschrift "Quick“ über die höchste Prostitutionsrate in ganz Europa und das im kleinen bescheidenen Provinzstädtchen Giessen. Die "Venusdamen“ der Stadt hatten so viele Kunden, dass die Stadt als "Shanghai an der Lahn“ apostrophiert wurde. Statistisch gesehen lag das an der zahlenmäßig überdurchschnittlich hohen Anzahl von stationierten Soldaten und der Präsenz der US-Streitkräfte, die damals in Giessen ein sehr großes Airbase als strategisch-militärischen Knotenpunkt in der Mitte des geteilten Deutschlands unterhielten. Über die genaue Anzahl der Venusdamen ist nichts bekannt, aber ein Treffpunkt in der Stadt war die Wetzsteinstrasse und ihre Lokale in der Umgebung in unmittelbarer Nähe des Glockenturms der ehemaligen Stadtkirche.

Der Karzer der Universität
Der Karzer der Universität ist ein weiterer Ort auf dem Weg des Rundganges. Die Trink- und Raufmütigkeit der Giessener Studenten ist in vielen schriftlichen Zeugnissen belegt und bekannt ist, dass "kein Tag verging, ohne das eine volle Mitternachtsvase einem Hundsvott“ übergestülpt wurde. Das verlangte Satisfaction und alles zusammen brachte viele Studenten in den Karzer. Die Universität Giessen hatte mit dem Universitätsrichter ein eigenes und zusätzliches Funktionsamt in der Gewaltenteilung, das erstmalig 1831 und zunächst bis 1879 bestand; und nochmals zwischen den Jahren 1934 bis zum Ende des Nationalsozialismus andauerte.
30 Gulden mussten zahlen oder in den Karzer einrücken, wer als Student der Hurerei oder der "Imprägnation“, der Schwängerung überführt war. Das erfolgte aber nur auf Anzeige und Beweis der jungen Frau. Ein gesellschaftlicher Lebensumstand, der die große Angst der Verpassung des Glückes in atrozitärer Weise auslebte. Die Institution der Universität hat daran ihren Anteil getragen. Auch hier zeigte sich ein Teil der verheimlichten Gesellschaft einer Stadt, das die aggressive Motivation der Menschen fördern kann.

Dr. Jutta Failing in der Nähe des Teufelslustgärtchens.
Dort verliebte sich die Frau des Schuhmachermeisters Deibel in einen Wandergesellen, der in der Werkstatt ihres Mannes Arbeit fand. Nachdem der Meister und Ehemann verstarb ehelichte die Witwe den Gesellen und der Ort hieß fortan "Deibels Lustgärtchen“.
Dort erfuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch, dass nicht jeder Person in der Stadt ein Platz an der Sonnenseite auf Lebenszeit garantiert war. Einem Ratsherren, Johann Daniel Staudt (1740), der Ehebruch begangen hatte, verlor seinen Platz im Rat der Stadt. Ist er trotzdem auf dem wertvollen Gemälde abgebildet, das im Oberhessischen Museum hängt?
Es ist den interessierten Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Giessen zu wünschen, dass weitere Rundgänge zu verschiedenen Themen mit der Geschichtenerzählerin stattfinden werden.
Giessen, 09. u. 10. April 2007 / alle Bilder, Fragen und Bericht von Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Mai 2012
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