von Dagmar Klein
Tanzfotographien von Frank Sygusch

Magdalena Stoyanova und Mélodie Lasselin / Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Grenzen sind ein großes Thema, ähnlich wie Liebe und Hass auf persönlicher, Krieg und Frieden auf gesellschaftlicher Ebene. Es gibt innere und äußere Grenzen, die akzeptiert oder ignoriert, aber auch als Herausforderung betrachtet und überwunden werden können - das Scheitern inbegriffen. „Grenztagebücher“ lautet der Titel für die neue Tanzproduktion am Stadttheater Giessen, die gestern am Samstag (14. April) Premiere hatte.

Hiroshi Wakamatsu und Svende Obrocki / Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Die Idee kam Tarek Assam, dem Leiter der Giessener Tanzcompagnie, während der Arbeit am gerade abgelaufenen Tanzstück „Romeo & Julia“. Auch darin geht es bekanntlich um Grenzen: zwischen dem Individuum und der Gruppe. Außerdem wollte Assam schon länger ein Tanzstück zu Musiken der Klassischen Moderne machen. Die ausgewählten Komponisten Darius Milhaud, Igor Strawinsky und Béla Bartók waren Grenzgänger, sie wagten Neues in der Musik und loteten die tonalen Grenzen aus.

Paul Zeplichal und Mélodie Lasselin / Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Zwei dieser Stücke wurden für den Tanz geschrieben: „La Création du monde“ von Milhaud und „Danses Concertantes“ von Strawinsky, die anderen Stücke wählte Assam nach Tanzbarkeit aus. Bei Milhaud ist es auch das „Saudades do Brasil“, das von dessen Erfahrungen in Südamerika inspiriert ist.

Masami Sakurai / Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Tarek Assam zählt zu den wenigen Choreographen, der gemeinsames Arbeiten bevorzugt, er hat auch für diese Produktion wieder einen Gastchoreographen dazu geholt: Fabrice Jucquois, der bei Jochen Ullrich und Hans Kresnik als Tänzer war. Choreographen überschreiten berufsbedingt ständig Grenzen, die der Nationen und ihrer Sprachen in international zusammen gesetzten Kompagnien und die des Körpers im ständigen Ausloten des Bewegungsvokabulars.

Fabrice Jucquois am Premierenabend /
Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Auch sind beide aufgewachsen mit diesem Thema: Tarek Assam als Sohn eines Ägypters und einer Deutschen, aufgewachsen und ausgebildet in Köln, und Fabrice Jucquois aus dem kleinen Belgien stammend, wo Sprach- und Kulturgrenzen zwischen dem Wallonischen und dem Flämischen in direkter Nachbarschaft der Städte erfahrbar sind.

Grenztagebücher - Ein Tanzstück von Tarek Assam und Fabrice Jucquois
(Foto und Graphik: Frank Sygusch)

Die Musik (eingespielt von CDs) gibt die Struktur des Abends vor. Entsprechend der Dreiteilung wurde abwechselnd inszeniert: der erste Teil mit drei Stücken von Milhaud durch Assam, der zweite Teil zu dem fünfteiligen Stück von Strawinsky von Jucquois und dritte Teil zu Bartok von beiden gemeinsam. Und man kann feststellen, dieser dritte Teil ist der szenisch abwechslungsreichste und tänzerisch dynamischste, wenn es bei dieser schweißtreibenden Produktion überhaupt eine Steigerungsmöglichkeit gibt. Die vier Tänzer und vier Tänzerinnen testen wahrlich ihre Grenzen aus mit all dem Springen, Klettern und Laufen, Heben, Fallen und Rutschen.

Die Bühne hat Michele Lorenzini gestaltet
Offensichtlich trug das Bühnenbild zu diesen sportlichen Aktionen wesentlich bei. Geschaffen hat es ein weiterer Gast des Hauses: Michele Lorenzini, Maler und Bühnenbildner aus Mailand, der schon an diversen deutschen Bühnen gearbeitet hat, bislang eher für Schauspiel und Oper.

Michele Lorenzini entwarf das Bühnenbild und
die Kostüme (Foto: Frank Sygusch)
Er war bereits bei der letztjährigen TiL-Inszenierung „Tube“ dabei. Zu dem abstrakten Thema „Grenzen“ hat er ein sehr konkretes Bühnenelement geliefert, das allen Beteiligten offensichtlich viel Spaß macht: zwei begeh- und fahrbare Rampen, die der Halfpipe für Skater ähneln. Diese werden in verschiedenen Konstellationen zueinander gedreht und atmosphärisch beleuchtet, zeigen auch mal ihre Rückseite mit einem gerüstähnlichen Innenleben.

Grenztagebücher ein Tanzstück von Tarek Assam und Fabrice Jucquois (Foto: Frank Sygusch)
Ebenso schuf Michele Lorenzini die Kostüme, die alle an Alltagskleidung erinnern, das reicht vom eleganten Anzug (Hiroshi Wakamatsu) bis zum Jogging-Outfit (Kai Guzowski), vom fremdländischen Schottenrock (Paul Zeplichal) bis zur frechen Punker-Kombination (Matthew Bindley). Diese Kleidung wird durch alle Stücke hindurch beibehalten und lässt Individuen assoziieren.

Magdalena Stoyanova, Masami Sakurai und Paul Zeplichal /
Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Gesten der Verzweiflung, Sehnsucht und Einsamkeit, angedeutete Schreie und Weinen lassen die depressive Seite des Scheiterns an Grenzen erkennen. Fröhliche Verspieltheit und gewagte Experimente markieren die gelungenen Grenzüberschreitungen bis hin zum jubelnden Hochwerfen der Arme, bei Eroberung des Gipfelplateaus (= Rampe).

Magdalena Stoyanova und Hiroshi Wakamatsu / Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Während Assam vorwiegend Gruppenbilder schafft, verlegt sich Jucquois mehr auf Einzelaktionen oder Kleingruppen. Er nimmt das Überschreiten von Grenzen wörtlich, lässt die Tänzer mit Reisekoffern auf die Bühne kommen. Dabei liegt eine schon mal friedlich im Koffer, während ein anderer den Kopf im Koffer versteckt hält. Vor allem die Tänzerinnen (Mélodie Lasselin, Svende Obrocki, Masami Sakurai, Magdalena Stoyanova) brillieren dabei mit Soloauftritten, jede in ihrer speziellen Körperbeweglichkeit. Der humorvolle Abgang erfolgt als (Reise-)Gruppe, die dem hoch gehaltenen Schirm folgt.

Kai Guzkowski / Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Der Übergang zum dritten, gemeinsamen Teil ist raffiniert integriert: der schwarze Vorhang wird ein Stück über dem Boden von einem Tänzer aufgehalten, die anderen kriechen nach und nach darunter hervor und erkunden die Vorbühne. Im neu arrangierten Bühnenbild – die Rampen stehen einander seitlich gegenüber -, geht es um die Grenzen zwischen der Gruppe und dem Individuum oder einem Paar.

Matthew Bindley / Grenztagebücher (Foto: Frank Sygusch)
Gehört man dazu oder steht man abseits, wird man akzeptiert oder ausgelacht? Ausgelotet werden die Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung, der Übernahme von Verantwortung für andere und zum Schluss für sich selbst.
Begeisterter Premierenapplaus für eine spannende und abwechslungsreiche Produktion.
Weitere Termine: 22. April, 10., 13. und 26. Mai 2007
Giessen, 15. April 2007 / Text: Dagmar Klein /
Tanzfotographien: Frank Sygusch
Mai 2012
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