Eine Installationsprojektion mit vielseitigen Tuscheflächen auf weißem Katalogpapier / Die Bewegungen der Finger malen Tusche um Achsen auf die Ebene
GIESSEN (fsy). Die Künstlerin Eva-Maria Schön, 1948 in Dresden geboren, lebt und arbeitet seit 1980 in Berlin. Die bei Lore Bermbach ausgebildete Fotografin hat ein Studium an der Fachhochschule für Grafik; und ein Studium an der StaatlichenKunstakademie in Düsseldorf bei Klaus Rinke absolviert. Ihre wissenschaftliche Vita in der Lehrtätigkeit und die Ausstellungsaktivitäten weisen beachtliche Stationen aus. Für ihre künstlerische Arbeiten hat Eva-Maria Schön zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Von 2000 bis 2001 hatte sie die „Gastprofessur Kunst“ an der hiesigen Universität in Giessen inne und es bestehen seit dieser Zeit Kontakte.

Kontinent gemalt mit Tusche
Jetzt entwickelte die Künstlerin eine Ausstellung über die Weiterentwicklung eines Installationsprojektes, das sie im letzten Jahr an den Kunsthochschulen Peking und Wuhu (China) realisierte.

Die rückseitige Weltansicht ist nur von innen zu betrachten
Im Ausstellungsraum des Neuen Kunstvereins Giessen, im ehemaligen Kiosk und auf kleinstem Raum präsentiert Eva-Maria Schön die ganze Welt zerlegt und zusammengefügt im Kreis mit der Möglichkeit für den Betrachter seine Innen- und von Außensicht im Blick zu prüfen. In der Präsentationsform gelingt es der Künstlerin eine verdichtete Welt zu schaffen, aufgetuscht in den Farb- und Grautönen, die sich an der Fotografie in schwarzweiß und dem konzeptuellen intuitiven Denken orientieren.

Wer mit beiden Füßen auf dem Mittelpunkt steht, der kann mit beiden Augen die rückwärtige Innenansicht der Welt im Kiosk (Ausstellungsraum des Neuen Kunstverein Giessen) sehen
Entstanden ist eine faszinierende Weltansicht im Detail und auf große Sichtweise. Die einzelnen Teile der zusammengefügten Welt passen sich dem Raum an und zusammen; wie die Haut als Projektionsfläche für den Körper dient, so wirken die aneinander gebrachten Teile plastisch. Sind doch alle Blätter als Fingerzeichnungen um Achsen auf einer Ebene entstanden; als eine Abstraktion aus dem Handwerkszeug mit der Hand des Körpers der Künstlerin.

Eva-Maria Schön hat nie aufgehört fotografisch zu denken und sie traut ihrem Auge und entblößt damit die Kräfte, die unsere Innen- und Außensichten dynamisch zusammenführen. Was daraus entsteht ist eine Vielseitigkeit der Formen und eine Vielfarbigkeit im Zeichenausdruck der Tusche, die mit den Fingern über den schnellen Ausdruck immer weiter sich zu unzähligen Farbschattierungen entwickeln und über die Projektion, die bereits beim Anrühren auf dem Tuscheteller entsteht.


Auf dem schneeweißen Kartonpapier zurück bleiben die Formen selbstständig gewachsener Weltschichten als aufgedrückte Tuschekonturen, die im Moment der Feuchtigkeit noch verlaufen und verfließen können. Dann aber bald ist die Gestalt der Konturen der Welt schnell fertig getrocknet und die Farbe hat ihren Bewegungsspielraum ausgeschöpft und wird zur Erdansicht.

Die Besucherinnen und Besucher der Vernissage betrachteten die gerundete Weltkarte und die einzelnen Teile sehr genau. Und von innen und von außen zeigen sich die genauen Abgrenzungen zwischen den Landstrichen, Kontinenten und Gebirgsmassiven und überhaupt hat jeder Tuschestrich mit den Fingern aufgetragen eine neue Gestalt an das Vorhergehende angefügt und zum Schluss ist alles zusammengewachsen. Alles unterscheidet sich von allem im Raum und doch hängt alles zusammen als die gesamte Erdansicht einer Tuschewelt im Kiosk des Neuen Kunstvereins Giessen. Was würde eigentlich passieren, wenn man die Rauminstallation zusammenknüllen würde, etwa auf die Größe eines Fußballs? Wahrscheinlich würde die Vielfalt der Welt noch größer erscheinen und der Kiosk würde zu einem unendlichen kosmischen Raum mit ungeahnten Ausmaßen anwachsen.

Einzelne Besucherinnen und Besucher fragen nach bestimmten Erdteilen und suchen nach bestimmten Ländern, denn alles hat seinen Namen. Doch die Karten haben auch ohne die Kenntnisse der Namen von Erdteilen viel zu bieten, denn die Konturen und Gestalten sind immer Überreste einer bildhaften Vergangenheit, die wir schon einmal gesehen haben oder an die wir uns zu erinnern glauben. Viele der Konturen wirken auf die Betrachter wie Wanderrouten in einer unermesslichen Sanddüne; kommt der Wind entstehen neue Bilder. Oder wirken im Ausdruck ihrer Farbtöne so kräftig und kontrastreich-hell, dass man ein wenig geblendet wird.
Die installierte Erdansicht im begehbaren Raum des Kiosk ist atemberaubend schön, beeindruckend und faszinierend zugleich.
Giessen, 25. April 2007 / alle Bilder: Frank Sygusch / Giessen-Server.de
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