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Barbara Heinisch – Offene Struktur und die Triade als Subjekt

 Dritte Veranstaltung in der Reihe „Atelierbesuche“


Von Frank Sygusch






Die Sprache von Barbara Heinisch sind die Farben, die aus der Bewegung atmen und der Malerei einen Weg in eine unendliche Dimensionalität eröffnet.
(Bild: Frank Sygusch)






BAD-NAUHEIM.    In Kooperation mit dem Forum Kunstbetrachtung unter der konzilianten Betreuung der Kunsthistorikerin Dr. Susanne Ließegang fand am vergangenen Samstag die dritte Veranstaltung in der Reihe „Atelierbesuche“ statt.

Eingeladen in ihr Atelier in Bad Nauheim hatte die Künstlerin Barbara Heinisch. Die Gäste hatten die Möglichkeit als Betrachter an einer leibhaftigen Performance, bestehend aus den Kunstformen Malerei, Tanz und Musik, teilzunehmen. An diesem Nachmittag erlebten die Gäste die Malerin Barbara Heinisch zusammen mit der Tänzerin Maike Hild und dem Musiker Frank Rühl.

Die Veranstaltungsreihe findet im laufenden Semester als Kursangebot der VHS Giessen statt und bietet die interessante Möglichkeit, dass die Gestaltungsprozesse der Künstler über den Kontakt, das Gespräch und die gemeinsame Betrachtung authentisch erlebbar werden.

Im Anschluss an die Performance gab es die Gelegenheit zu einem Gespräch am Kaffeetisch, um über die Eindrücke, Gefühle und Phantasien zu sprechen, die sich für den einzelnen Besucher aus der individuellen und unmittelbaren Kunstbetrachtung ergeben hatten. Einige der Besucherinnen und Besucher kannten bereits Arbeiten der Künstlerin, andere erlebten die Malerei von Barbara Heinisch zum ersten Mal in Aktion.




* * *



Der Musiker Frank Rühl (Bild: Frank Sygusch)






Zu Beginn der Performance entlockt der Musiker Frank Rühl den Saiten seiner Gitarre frei improvisierte Töne. Kratzend, krächzend, knallartig und auch sanft erstreichelt treffen die abgenommenen Schwingungen, die elektrisch verstärkt werden, auf die Zuhörerinnen und Zuhörer im Raum. Die Musik scheint keinem vorgegebenen Rhythmus zu folgen und dennoch offenbart sie eine Struktur. Es ist eine offene Musiksprache, die es zu entdecken gilt und es sind Klangkörper, die spontan, aber aus der Erfahrung heraus entstehen, damit der Musiker sich einen Klangraum zu erschaffen versucht, um Impulse zu setzen. Obwohl die tonale Struktur nicht entziffert werden kann, klingen die Klangkörper vertrauter, je länger diese als Teil der Bewegungen im Raum wahrgenommen werden.







Die Tänzerin Maike Hild (Bild: Frank Sygusch)








Nach einer Weile bildet sich in der konstant improvisierten Musik eine entkörperlichte Form der menschlichen Persönlichkeit heraus, die ständig im Kontakt mit den beiden anderen Künstlerinnen, mit sich selbst und der tonalen Struktur steht. Der Gitarrist steht genau auf der Grenze in der frontalen Ebene der Leinwand und kann sich frei bewegen. Auch sein Blick ist frei für alle Richtungen und seine Augen ungebunden. Sein Blick kann vor oder hinter die Leinwand gerichtet werden. Oder er kann die Augen schließen, wenn er es will.









Die Malerin Barbara Heinisch (Bild: Frank Sygusch)







Wir Besucher können das auch, aber wir können nicht hinter die Bühne schauen. Müssen wir das? Unsere Blickaktion bewegt sich in der nach vorne gerichteten Längsebene und ist abhängig vom Licht, das über zwei Fenster hinter und zur rechten Seite der Leinwand genug Raum für Schattenbildungen bietet. Unentwegt erreichen uns die Schallwellen und manchmal bilden die Töne einen Kontrapunkt zum Atemrhythmus der Malerin. Dann entstehen kurze Pausen, die der Szene und Raumstruktur einen urplötzlichen Sinn zu geben scheinen.











Die Tänzerin Maike Hild, die vor der Leinwand zu tanzen began, begab sich sogleich hinter die Leinwand und der Malprozess von Barbara Heinisch verstärkt sich. Während des Malereignisses können wir das Gesicht der Malerin nicht sehen; aber wir erleben ihren Körper und ihre Atmung und beides entfaltet Energie um einen Spielraum und es gelingt der Übergang von der Körperlichkeit zur symbolischen Identität.












Eine Stunde dauert die Performance und es entsteht Phantasie, jener Prozess, bei dem es allen drei Künstlern gelingt, eine Differenz als Spielraum zwischen sich und den anderen zu legen und gleichzeitig eine Triade als Subjekt zu bilden.












Dabei folgen die Farbphänomene, die von der Künstlerin Barbara Heinisch in einem dynamischen Prozess und zeitweise mit wilden Pinselstrichen gestaltet werden, keiner methodologischen Strenge. Der dynamische Farbauftrag geschieht als Erlebnis und Ereignis zugleich und beeinflusst unser Körperempfinden und unser Bewusstsein. Die Farben wirken auf unsere Sinne und beeinflussen unsere Gefühle und die Leinwand mit ihrem Farbreichtum wirkt ästhetisch reizvoll, mit den gefleckten Krümmungen und der Leuchtkraft, die dem Impuls aus der Bewegung der Tänzerin folgend uns den Blick, für die durch den Leib entstehende Aktionskunst, eröffnet.












Jenseits von Körpergrenzen entsteht ein expressiver Resonanzboden, der es den Betrachtern erlaubt den Blickwinkel auf drei Perspektiven zugleich zu richten. Wie ein Pelzkleid, das Farbe ausstrahlt, verbindet sich der Ausdruck des Tanzkörpers im Raum mit dem Klang der improvisierten Musik und der Sprachfarbe der Künstlerin. In einer offenen Struktur entstehen farbige Klangkörper, tonale Raumkörper und freie Tanzbewegungen, die in der Sprache der Farben zurückübersetzt auf die Leinwand mit Pinsel und Händen aufgetragen werden.












Die Kunstform, die wir an diesem Nachmittag erleben, denkt und entfaltet sich triadisch. In komplexen Strukturen wird immer wieder auf die Beziehung zu dritt geachtet und damit die Triade immer und immer wieder neu entdeckt. Damit wird die Dimensionalität gesteigert; und zugleich aber die Komplexität auf ihre Dreiecksstruktur reduziert. Die Körper der drei Künstler stehen im Raumkontakt: als sinnlich-unmittelbarer Vorgang, als Vorwärts-Rückwärts-Bewegung in ständiger Interaktion und über wahrgenommene Impulse, die vom anderen ausgehen. Es wird deutlich, dass Malen ein lebendiger Prozess ist.










Ab und zu stampft die Malerin mit den Füßen heftig auf den Atelierboden. So als ob ihr Körper mit zuckender Motorik ihr Auge mit dem ganzheitlichen Körper ansprechen will und fragt, ob Phönix, der verbrennen muss bis zum Tod, endlich aus der Asche auferstehen darf, um die Farbenwelt  zu atmen, die er von der Rückseite nicht deutlich erkennen konnte.











Die lebendige Leinwand wird jetzt geschlitzt und die Hände und Arme der Tänzerin tasten sich langsam und suchend hervor. Nach und nach bewegt sich die Tänzerin um alle Achsen durch die imaginäre Frontalebene hindurch und wird von der Malerin befreit. Jetzt berührt die Malerin die Tänzerin und für wenige Augenblicke wirkt der Körperkontakt und die Farben werden an einzelnen Stellen auch auf den Körper aufgetragen.













Aber die Tänzerin bleibt nicht stehen und bewegt sich weiter hinaus aus dem Spielraum, wie ein Schmetterling, der seine geschlitzte Raupenhülle verlassen hat, um sich die Flügel am Licht der Sonne erwärmen zu lassen.












Zurück bleibt die lebendige Leinwand, das Kunstwerk als Objekt, das erlöst hat und der Klangraum der Musik verstummt und die Malerin ist nach der Steigerung der Dimensionalität über die Phantasie so erschöpft, das sie für einen Augenblick nicht wahrnehmen kann, was sie entlang von Perspektivität, Person und Beziehung erschaffen hat: eine lebendige Leinwand mit offener Struktur in der Sprache der Farben.













Im anschließenden Gespräch ist die Energie im Raum deutlich zu spüren und die Farben, die Töne und Bewegungen beginnen zu wirken, die in den erlebten Spielräumen der Kunstformen erfahrbar waren. Über die genauen Bedingungen der Möglichkeit zu sprechen, warum die Leinwand lebendig wird, bleibt nicht die Zeit.

Ein Glück, dass die Künstlerin Barbara Heinisch, einst Studentin bei J. Beuys in Düsseldorf und Meisterschülerin bei K.H. Hödicke in Berlin, im Sommer eine weitere Performance in der Kunststation Kleinsassen (Internationale Begegnungsstätte für Künstler in Hessen) plant.


Die Liste der Ausstellungen ist lang und der akademische Werdegang und die Lehrtätigkeit von Barbara Heinisch sind beachtlich; 1979 erhielt sie den Deutschen Kritikerpreis für Bildende Kunst.




Eine gerade eröffnete Ausstellung von Barbara Heinisch ist im Oberhessischen Museum in Giessen bis zum 03. Juni 2007 zu sehen.



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Barbara Heinisch - Malerei als Ereignis

(Offizielle Seite von Barbara Heinisch)


Giessen, 08. Mai 2007 / Der Atelierbesuch fand am 05. Mai statt / Text und alle Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)


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