
Werke von Anton Webern, Arnold Schönberg und Franz Schubert
Musikalische Leitung: Peter Gülke
Dienstag , 11. April 2006 | 20.00 Uhr | Stadttheater Gießen, Großes Haus
GIESSEN (mip/r). Im Mittelpunkt des 8. Sinfoniekonzerts am morgigen Dienstag im Stadttheater steht Arnold Schönbergs Kantate „Ein Überlebender aus Warschau“ für Orchester, Herrenchor und einen Sprecher, mit der der Komponist den Opfern des Holocaust ein musikalisches Denkmal setzte. Im spannungsreichen Kontrast dazu steht mit den in aphoristischer Kürze gehaltenen „Fünf Orchesterstücke“ von Anton Webern ein weiteres Werk des 20. Jahrhunderts sowie mit Franz Schuberts großer C-Dur Sinfonie Nr. 8 ein sinfonisches Schlüsselwerk im Übergang zwischen Klassik und Romantik. Das Philharmonische Orchester Gießen spielt diesmal unter der Leitung des Dirigenten Peter Gülke.
Peter Gülke wurde 1934 in Weimar geboren. Er studierte Violoncello, Musikwissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie an der Hochschule für Musik in Weimar und an den Universitäten Jena und Leipzig, und hörte u.a. bei Hans Mayer und Ernst Bloch.

1958 promovierte er zum Dr. phil., 1985 zum Dr. habil. Seit 1959 ist er als Dirigent tätig, von 1964 bis 1976 war er Chefdirigent an verschiedenen Theatern, u. a. in Potsdam und Stralsund, danach Kapellmeister an der Staatsoper Dresden (mit gleichzeitiger Lehrtätigkeit an der dortigen Musikhochschule) und ab 1981 Generalmusikdirektor seiner Heimatstadt Weimar.
Peter Gülke erhielt in der Vergangenheit zahlreiche Preise u.a. 1995 den Sigmund-Freud-Preis der Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt.
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Anton Weberns „Fünf Orchesterstücke“ op. 10 eröffnen das Programm. Webern, der sein kompositorisches Schaffen im spätromantischen Stil begonnen hatte, fand in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unter dem Einfluss Schönbergs zu einer neuen musikalischen Form, in der zeitliche Komprimierung eine wesentliche Rolle spielt. Ein besonders deutliches Beispiel hierfür stellen die zwischen 1911 und 1913 komponierten „Fünf Orchesterstücke“ dar – das kürzeste Stück dauert lediglich fünfzehn Sekunden, das längste nicht mehr als zwei Minuten. Sparsam sind auch die Orchesterfarben eingesetzt, die das filigrane Werk äußerst zart und empfindlich erscheinen lassen.
Arnold Schönbergs Kantate „Ein Überlebender aus Warschau“ entstand 1947 unter dem Eindruck von Berichten über das Warschauer Ghetto, die erstmals das ganze Ausmaß der Judenverfolgung im Dritten Reich ins Bewusstsein rückten. Gleich einem traumatischen Wiedererleben des Unvergesslichen berichtet der Sprecher (dargestellt von Schauspieler Christian Fries), wie die Menschen auf dem Weg in die Gaskammern unter dem Gebrüll eines Feldwebels ganz unvermittelt in das traditionelle Gebet „Schema Israel“ („Höre, Israel“) einstimmen. Schönbergs Musik gelingt es hier, dem mit Worten nicht mehr zu Benennenden eine Stimme zu geben.
Nach der Pause steht mit Franz Schuberts Großer C-Dur-Sinfonie Nr. 8 ein Schlüsselwerk im Übergang zwischen Klassik und Romantik auf dem Programm, das zugleich als eines der größten Werke der sinfonischen Literatur überhaupt gilt. Entstanden 1825/26, bedeutete diese Komposition für Schubert eine Befreiung von dem an der Klassik, namentlich an Beethoven orientierten Stil seiner früheren Sinfonien und einen Durchbruch hin zu neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Das Werk verschwand zu Schuberts Lebzeiten jedoch in der Versenkung; erst elf Jahre nach seinem Tod entdeckte Robert Schumann die Partitur, erkannte ihre künstlerische Bedeutung und begeisterte Felix Mendelsohn Bartholdy für das Werk, der es 1839 in Leipzig zur Uraufführung brachte.
Einführungsvortrag mit Musikdramaturg Christian Steinbock um 19.15 Uhr im Foyer
Giessen, 10. April 2006
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