GIESSEN. Ausgehend von Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ setzte sich Juliane Scherf in ihrer Diplominszenierung „Plastik“ mit dem menschlichen Körper im Liniennetz des Raumes, der Biomechanik und der Stilisierung des lebendigen Körpers zur Kunstfigur auseinander. Die Premiere fand im Rahmen des diesjährigen Festivals „TanzArt ostwest“ am Freitagabend in der TiL-Studiobühne statt.

Carla Pulvermacher (Bild: Frank Sygusch)
Zu Beginn erklang ein gesprochener Text über die Geometrie des Körpers vom Band: „Das Quadrat des Brustkorbs, der Kreis des Bauches, (…) das Dreieck der Nase, die Linie, die Herz und Hirn verbindet.“ Das Bühnenbild, ein Kubus, war noch mit Plastikfolien verschlossen, aber man sah schon im Material einen Abdruck eines Armes oder des Kopfes von einem Tänzer. Dann rissen die Tänzer (Tanzcompagnie Giessen) Mélodie Lasselin, Carla Pulvermacher und Kai Guzowski die Planen ab und hüllten sich in diese ein.

Mélodie Lasselin, Kai Guzkowski und Carla Pulvermacher (Bild: Frank Sygusch)
Nach diesem Auftakt setzte sich der erste Teil des Stücks mit der Gelenkmechanik auseinander. Die Arme der Tänzer formten sich zum Rechteck oder Dreieck, ein gehobenes, gestrecktes Bein ergab eine Linie. Der Raum war durchzogen mit diagonal aufgespannten Seilen, die in der Mitte einen Schnittpunkt bildeten. Auch diese Raumlineatur loteten die Tänzer mit streng stilisierten Bewegungen an den Linien aus und veränderten die Position der Seile.

Mélodie Lasselin (Bild: Frank Sygusch)
Raumplastische Kostümkonstruktionen (Bühne und Kostüme: Corinna Mattner) trugen die Tänzer im zweiten Teil. Spiralen umschlangen die Tänzerin Carla Pulvermacher. Um die Taille trug sie eine schwarzweiß bemalte Scheibe, die wie ein Kreisel eingesetzt wurde. Kleine Kugeln hingen am Kostüm der Tänzerin Mélodie Lasselin herab, der Oberkörper steckte in einer Art Halbkugel, wie in einem Käfig. Ein Rad umschloss den Oberkörper von Kai Guzowski, an dessen Armen noch dünne Speichen angebracht waren. Eingezwängt in die dreidimensionalen Kostüme, war die Bewegungsfreiheit zum Teil eingeschränkt. Alle drei Tänzer demonstrierten Bewegungssequenzen. Mélodie Lasselin hüpfte zierlich in ihrem Kugelkäfig. Die Spirale und der Kreisel rotierten mit den Drehungen der Tänzerin. Mechanisch bewegten sich die Arme mit den Metallstäben; der Tänzer durchschritt mit dem Rad den Raum und drehte sich. Es entstanden formal ansprechende mathematisch-abstrakte Bilder. Zum Teil schienen Kostüme und Körper zu verschmelzen, aber nicht vollkommen: Daraus entstanden Materialkämpfe, die Tänzer wehrten sich gegen die künstlichen plastischen Kostüme. Diese wiederum setzten den Tänzern einen passiven Widerstand entgegen.

Kai Guzkowski (Bild: Frank Sygusch)
Scherf erweiterte auch die Bühnenperformance durch Projektionen. Eine davon zeigte drei Tänzer, die in einem Kreis lagen. Immer wieder andere geometrische Bilder ergaben sich aus den unterschiedlichen Anordnungen des Rumpfes, der Extremitäten und des Kopfes. Die Bilder flossen nicht ineinander über, sondern wirkten wie auf Knopfdruck umgeschaltet. Die Bühnenfiguren wurden durch eine andere Projektion auf der Leinwand verdoppelt, in Folge sogar verdreifacht. Spiegelsymmetrisch führten gefilmte Figur und Tänzer Aktionen aus.
Die durchdachte Inszenierung wurde mit viel Schlussapplaus gewürdigt.

Mélodie Lasselin (Bild: Frank Sygusch)
Weitere Vorstellungen von „Plastik“ finden als Doppelabend mit dem Tanzstück „Wellensittiche“ am 2., 9., und 15. Juni jeweils um 20 Uhr in der TiL-Studiobühne (Löbershof 8) in Giessen statt. Kartentelefon: (0641) 7957 -60/ -61.
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Im Anschluss an Plastik zeigten junge Choreografen vom Staatstheater Wiesbaden zusammengefasst unter dem Titel „Seitensprünge“ ihre Arbeiten. Vom Flamenco inspiriert war der Pas de deux „Feelings“ von Adeline Pastor und Davit Jeyranyan. Das Paar und das Kennenlernen in einem Café thematisierten zu lebendigen, brasilianischen Liedern Daniela Severian und Demis Moretti. Augenzwinkernd ironisch und kurzweilig setzten die beiden den Geschlechterkampf in eine Tanznummer um. Leider wenig aussagekräftig waren die beiden Solodarbietungen und wurden der anspruchsvollen Musik, die gewählt wurde, nicht gerecht. Beendet wurden die „Seitensprünge“ mit „Ain’t going to sin no more“, choreografiert von Matthew Tusa. Zu emotional erregten Spirituals führten die Tänzer (Rosa Romero, Maarten Peeters, Ariel Rodriguez) vor, dass das religiöse Empfinden des heutigen Menschen vielleicht zu oberflächlich ist und er in der Religion nur eine Art beruhigende Versicherung für das Jenseits sieht.
Giessen, 27. Mai 2007 / Bilder: Frank Sygusch
Juli 2010
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