
GIESSEN (fsy). Werke von Anton von Webern, Arnold Schönberg und Franz Schubert standen am gestrigen Abend auf dem Programm des 8. Sinfoniekonzertes im Stadttheater Giessen. Unter der Leitung von Peter Gülke, der zu Beginn der Aufführung einführende Erläuterungen zu den 5 Orchesterstücken op. 10 von Webern gab, beeindruckte das Orchester besonders mit den Darbietungen aus der Kompositionsschule der Moderne und dem Werk von Arnold Schönberg „Ein Überlebender aus Warschau“, das mit Christian Fries als Sprecher und dem Herrenchor des Stadttheaters aufgeführt wurde.

Nach dem Werk von Franz Schuberts Sinfonie Nr. 8 in C-Dur, das hochkonzentriert vorgetragen wurde, applaudierte das Publikum fast 7 Minuten lang Beifall. Vielleicht war es sichtlich erleichtert und entspannt darüber, nachdem es in der ersten Hälfte des Konzertes in spürbarer Anstrengung heftig gefordert war.
Umgekehrt wirkte das Orchester im ersten Teil und in den Kompositionen von Webern und Schönberg über die gesamte Länge in ausdruckstarker Spannung, und spielte dem Publikum die Musik der Moderne zu, als ob es die bestimmte Richtung eines Weges anzeigen wolle: Zart und verhaltene Kompositionen mit „radikalen und dramatischen Klangausbrüchen“, die beim nachdenklichen Publikum spürbare Wirkungen hinterließen.
Der Applaus am Ende der zweiten Hälfte des Konzertes entsprach in etwa der Aufführungslänge des Orchesterwerkes von Arnold Schönberg, das direkt vor der Pause aufgeführt wurde. Hier fiel der Applaus etwas verhalten aus, was aber damit zusammenhing, dass mit den Werken von Arnold Schönbergs und Anton von Webern die Theaterbesucher in ein besonderes Wechselverhältnis zwischen Text und Musik, und Musik und Zuhörer eingeführt wurden.
Die fünf Orchesterstücke von Webern sind allesamt sehr kurz, das Längste weniger als 120 Sekunden und das Kürzeste gerade mal 15 Sekunden. Prof. Gülke stellte zunächst von allen Stücken die Hauptmelodien vor, um etwas Vertrauen in die eigene Stimmigkeit des Hörens bei den Zuhörern zu erreichen. Den Konzertbesuchern eröffnete sich die Möglichkeit die aufeinander folgenden Töne, die nur auf sich bezogen sind, besser hörend zu „erkunden“ und somit den „Tonraum“ klarer zu betreten. In den Lernschritten kann sich daraus ein erstes Gespür für die ausgebildete Atonalität entwickeln.
Dem Giessener Sinfoniekonzertpublikum war es deutlich anzumerken, dass es die hilfreichen Erklärungen vom Dirigenten zur atonalen Kompositionsgeschichte dankbar annahm. Denn den Kompositionen fehlte der sonst für den Konzerthörer gewohnte und gemeinsame Grundton, stattdessen begibt man sich auf einen atonalen Suchweg in Richtung Dissonanz.

Einen sehr tiefen Eindruck hinterließ die Aufführung von Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“.
Mit der Lesung von Christian Fries, die in die Reihenstruktur der Komposition aus den beiden sechstonigen Reihenhälften zusammengesetzt und in Beziehung zu den Tonqualitäten eingebettet ist, wurde fassbar, dass es für ein Verstehen des deutschen Nationalsozialismus ausreichend ist, wenn e i n Zeichen und seine Bedeutung als Merkmal des Vernichtungsterrors der Geschichte des 20 Jahrhundert verstanden wird.
Arnold Schönberg hatte den Text für die Komposition selbst verfasst, indem er sich „mit dem jüdischen Ich-Erzähler, dem Überlebenden aus Warschau“ identifizierte. Der Schauspieler Fries las den Erzähltext in ergreifender Weise vor. In englischer Sprache und an den Stellen mit deutschen Textteilen, wo die spezifische Handlung des Terrors hör-, sicht- und unmittelbar verstehbar wird: „Achtung! Stilljestanden! Na wird´s mal, oder soll ich mit dem Jewehrkolben nachhelfen? Na jut, wenn ihr´s durchaus haben wollt!“ (…).

An dem symbolischen Ort der Handlung dem Warschauer Ghetto beschreibt Arnold Schönberg die typische Szene einer Appellaktion mit Zählkontrolle, die für die Opfer egal, ob jung, alt, schwach, stark, krank oder gesund den sicheren Tod durch Abtransport in die Vernichtungslager bedeutete.
Im letzten Abschnitt der Erzählung verschiebt sich plötzlich der Klang in Halbtonschritten und der Männerchor setzt ein mit dem Kantate, dem traditionellen Gebet der Juden „Schema Israel“ ein, das nun in den Focus der harmonischen Zusammensetzung eintritt und zusammen mit dem Orchester gemeinsam abschließend erklingt und wie eine Befreiung wirkte.
Giessen, 12. April 2006
Mai 2012
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