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Der Menschenfeind im Stadttheater Giessen: Premiere 29. April



GIESSEN (fsy).      Nach der Einführungsmatinee im Foyer des Giessener Stadttheaters am vergangenen Sonntag darf man sehr gespannt sein auf die Premiere am kommenden Samstag. Gespielt werden wird der Misanthrope, der Menschenfeind von Moliere.
Im großen Haus und zwar in einer eigens für das Stadttheater in Giessen bearbeiteten Übersetzung von Philipp Engelmann.

Das hört sich gut an für ein Theater in der ehemaligen Provinz Oberhessen, das in der laufenden Spielzeit schon mehrmals mit Aufführungsstücken geglänzt hat und dessen Ensemble nun das Komische und die Lächerlichkeit nutzt, um zeitlose Konflikte auf dem Hintergrund einer Theorie des Sozialen auf der Theaterbühne zu gestalten.



Engelmann, der selber die Schauspielschule in Genf besucht hat und heute als freier Autor mit seiner Familie in London lebt und arbeitet, hatte vor gut 20 Jahren mehrere Theaterstücke verfasst, die dem Theaterautor anschließend zahlreiche Preise und Stipendien einbrachten. Jetzt versucht er sich ein zweites Mal an einer Übersetzung von Moliere, um ein Orginalstück und seine ursprüngliche Musikalität in unsere Sprache und die Sprachmelodie des 21. Jahrhunderts zu übertragen.

Auch das Bühnebild von Matthias Karch wurde in der Matinee vorgestellt und hat viele Besucher neugierig gemacht.



Moliere, so referierte der Schauspieldirektor Dirk Olaf Hanke, kannte Frankreich und dessen Wortführer, kannte das Volk und dessen Wortführer, die sich alle auf die Vernunft berufen. Moliere kannte sich auch aus in der Literatur und im Mittelalter und der Renaissance. Auf seinen Reisen durch Frankreich war Moliere seit Anfang der 40ger Jahre in illustren Theatergruppen unterwegs gewesen.



Dirk Olaf Hanke


Einen ersten Erfolg als Theaterautor erzielte Moliere mit seinem Stück „Les Précieuses ridiculus“ (Die lächerlichen feinen Damen), das 1659 veröffentlicht und aufgeführt wurde. Darin wird die Lebens- und Sprachhaltung beschrieben, deren sich die feinen Damen bedienen, um ins wirkliche Leben zu gelangen und dafür den Umweg über den Geist suchen. Ein mühsamer Weg, der lächerlich erscheint, denn er versucht die Sprache als elementare Ausdrucksform des Menschen rein zu halten und „von allen konkreten Elementen zu befreien und zu desinfizieren“. Nicht nur der Ausbruch aus der Gesellschaft auf diesem Wege ist lächerlich, sondern die Form der Lächerlichkeit, die sich darüber offenbart wird zur gesellschaftlichen Wahrheit. Die Komik trägt von nun an dazu bei, die Widersprüche der Welt besser zu ertragen.



Christian Fries als Alceste


Für den eingeschlagenen Weg erntete Moliere zunächst die literarische Feindschaft; später ab 1662, nach weiteren Stücken, wie die „Schule der Frauen“, „Tartuffe“ und „Dom Juan“ verlagern sich die Verbitterung und Feindschaft gegen ihn auf die Gebiete der Moralität und der Religion.

Moliere ertrug das alles und spürte, als zeitkritischer Beobachter, der Melancholie des menschlichen Daseins weiter nach.


Philipp Engelmann unternimmt jetzt den bewundernswerten Versuch genau dem Ausdruck in unserer heutigen Sprache zu verleihen und dem Prototyp der Lächerlichkeit auf die Spur zu kommen.

Arsinoé:  „(…) Und solltest du dich zum Troste heute Nacht

in Anbetracht deiner vergangenen Ohnmacht

nach Herzenswärme und Hingebung sehnen

danach dich ein bisschen bei mir anzulehnen

bin ich selbstverständlich diesbezüglich

uneingeschränkt und frei verfüglich. (…)


Alceste: "Aha,

Naja (…)“



Petra Soltau als Arsinoé


Die Regie führt Alexander Seer. Er inszenierte hier am Theater in Giessen in der vergangenen Spielzeit das Schauspiel „Frühlings Erwachen“ von Markus Orths nach Frank Wedekind, das sich zum Publikumsrenner entwickelte.


Der Held des Stücks, „Menschenfeind“ Alceste, ist das Paradebeispiel eines erbitterten Gesellschaftskritikers: Nichts als Oberflächlichkeit, Egoismus und Intrigen glaubt er zu sehen, wenn er sich in der Gesellschaft umschaut. Vergeblich versucht sein Freund Philinte ihm klarzumachen, dass es gefährlich ist, sich in Menschenhass und Weltschmerz zu versteigen, und dass man die Menschen nehmen muss, wie sie sind. Alceste nimmt kein Blatt vor den Mund, brüskiert alles und jeden. Allein die junge Célimène findet vor seinen Augen Gnade – doch ausgerechnet sie ist Mittelpunkt jener gesellschaftlichen Kreise, die Alceste zutiefst verachtet.



Markus Rührer als Philinte


Aus einzelnen Szenen lasen die Ensemblemitglieder Christian Fries, der den „Menschenfeind” Alceste spielt, Markus Rührer (Philinte) und Petra Soltau (Arsinoé) am Sonntag im Theaterfoyer vor.



DER MENSCHENFEIND

Schauspiel von Molière in einer Bearbeitung von Philipp Engelmann

Inszenierung: Alexander Seer

Bühne und Kostüme: Matthias Karch

Mit: Nadja Juretzka, Rike Schäffer, Petra Soltau; Isaak Dentler, Christian Fries, Christian Lugerth, Harald Pfeiffer, Markus Rührer, Manuel Struffolino, Christian Taubenheim


Premiere: Samstag, 29. April 2006 | 19.30 Uhr | Stadttheater Gießen, Großes Haus



Giessen, 24. April 2006

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